Zerbrochen

Wisst ihr, wie es sich anfühlt, wenn der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Wenn die Welt, die man sich mühsam aufgebaut hat, komplett zerstört wird. Wenn man zerbricht und nur Scherben bleiben…

In Filmen wird das immer so dramatisch dargestellt. Aber die Wirklichkeit ist nicht so. Kein Schreien. Kein Zertrümmern von Möbeln. Kein lautes Krachen. Es ist leise. Still. Grausam

Und egal, wie gut man es schafft, sich und seine Welt wieder zusammenzusetzen, etwas bleibt. Und das wird immer wehtun. Immer.

Alles begann mit einem Strich im Februar.

Ich hatte gerade das erste Semester fertig und war in den Semesterferien. Dieses Studium hatte ich mir erkämpft. Ich hatte mein Abi in der Abendschule nachgemacht. Ich hatte in der Zeit teilweise bis zu 4 Nebenjobs um das finanzieren zu können. Aber ich hatte Abi! Als erste in meiner Familie. Und als erste ging ich studieren. Ein Traum.

Und jetzt sah ich diesen Strich auf diesem Schwangerschaftstest Und alles änderte sich.

Ungefähr Ende August wurde ich krank. Schleichend. Ich nahm plötzlich immer mehr zu. Jede Woche mindestens 1 KG. Mein Blutdruck wurde höher. Ich wurde langsamer, schwerfälliger. Ich bekam schwer Luft und brauchte für Wege, die sonst 5 Minuten lang waren, eine halbe Stunde. Mein Mann hatte dafür wenig Verständnis. Ich war ja nur Schwanger, nicht krank.

Es wurde mehr. Mehr Gewicht, mehr Blutdruck und mehr Eiweiß im Urin.

Innerhalb von zwei Monaten nahm ich 20 KG zu. Meine Mutter stellte mir ein Blutdruckgerät nach Hause. Ich solle messen, täglich dreimal. Sie hatte Angst.

Ich maß und es wurde immer mehr. An einem Donnerstag, ungefähr drei Wochen vor dem ET hatte ich einen Blutdruck, der mir auch Angst machte. Ich rief meine Hebamme an, sie sagte ich solle ins Krankenhaus, sie übernimmt keine Verantwortung mehr.

Die Kliniktasche war bereits gepackt also fuhren wir los. Und es passierte…. nichts.

Am Donnerstag nicht. Am Freitag nicht und auch am Wochenende nicht.

Dienstag wurde eingeleitet mit einem Gel. Noch immer nichts.

Mittwoch morgen sprang meine Blase. Ich hatte keine Wehen, aber grünes Fruchtwasser. Und dann, nach fast einer Woche und Blutdrücken von teilweise 180/200 im Ruhezustand, wurde mein Kind geholt.

Ich lag auf dem OP Tisch, ich zitterte, ich hatte Angst und Kopfschmerzen. Ich dachte, mein Kopf zerspringt und ich jammerte die ganze Zeit über diese Schmerzen. Den Kaiserschnitt bekam ich kaum mit. Sie zeigten mir meinen Sohn. Blau und schreiend. Dann bekam ich eine Maske auf.

Und wachte erst woanders wieder auf. Einen ganzen Tag später.

Ich hatte im Aufwachraum epileptische Anfälle. Durch den hohen Blutdruck hatte ich Hirninfarkte. Ich hatte eine sogenannte Präeklampsie, ausgelöst durch eine Gestose, die bereits Ende August anfing und die niemand so wirklich ernst nahm. Und die mir und meinem Kind fast das Leben gekostet hat.

Freitags musste ich verlegt werden in ein anderes Krankenhaus mit einer Neurologie und blieb noch fast eine Woche in dem Krankenhaus. In dieser Zeit sah ich zwar fast täglich mein Baby, aber immer nur kurz. Immer dann, wenn mein Mann mich besuchte, was meist Nachmittags war.

Nachmittags konnte ich ihn sehen. Halten. Und kaum glauben, dass dieser kleine, wundervolle und perfekte Mensch zu mir gehört. Mein Sohn sein sollte. Meiner.

Dann konnte ich endlich nach Hause. Ich hatte noch Schmerzen von der Kaiserschnittnarbe (sie war ja auch erst eine Woche her), ich hatte eine Nieren – und Leberentzündung, mein Blutdruck war noch immer jenseits von Gut und Böse aber hej, ich durfte nach Hause. Und war auch direkt für das Kind verantwortlich.

Mein Mann nahm mir zwar im Rahmen seiner Möglichkeiten ein paar Dinge ab, aber er musste bald wieder arbeiten. Er war ja ungeplant eh schon länger Zuhause als gedacht. Zwei Wochen nach der Geburt war ich also ganz alleine mit dem Baby. Und den Schmerzen und der Angst und dem Babyblues und überhaupt.

Ich versuchte alles um eine Bindung hinzukriegen. Ich trug ihn, hielt ihn, stundenlang, weinte mit ihm, versuchte stark zu sein. Ich versuchte eine gute Mutter, Ehefrau, Studentin und Arbeitnehmerin zu sein.

So perfekt wie es eben ging und so grandios scheiterte ich auch dabei.

Mein Mann wurde immer unzufriedener, weil es kaum noch Sex gab. Wir stritten viel und heftig. Es ging mir immer Mieser. Als mein Sohn fast ein Jahr alt war, verließ ich meinen Mann. Und brach auf dem Fußboden meiner Eltern zusammen. Vor ihm.

Ich ging aber wieder zurück. Mein Sohn ging zu einer Tagesmutter und ich wollte wieder studieren. Ich nahm wieder einen Nebenjob an und stand wieder alleine da. Ich wuppte das irgendwie. Mein Kind, das Studium, den Haushalt, den Job, alles.

Irgendwie.

Ich fuhr mit ihm auf Kur. Ein Fehler. Er war vom ersten Tag an krank. Die Erzieher kümmerten sich nicht, wir mussten die Kinder an der Tür abgeben und sie wurde zugemacht. Er bekam Affektanfälle, er schrie sich bis zur Ohnmacht weg. Wir mussten ins Krankenhaus. Dort wurden viele Untersuchungen gemacht, aber es kam nicht wirklich was dabei raus. Wahrscheinlich war es zuviel für dieses sensible Kind. Zuwenig gute Betreuung, zuwenig gesunde Mama, zuviel alleingelassen werden. Im Krankenhaus bekamen wir den Noro Virus. Wieder zurück mussten wir deshalb isoliert im Zimmer bleiben. Meine Eltern holten uns ab, bevor diese grauenhafte Kur zu Ende war.

Mein Mann und ich fingen eine Eheberatung an. Der Tenor? Alles meine Schuld. Genau das, was mein Mann damals auch gerne skandierte.

Zuwenig Sex. Zuwenig Aufmerksamkeit. Zuwenig Haushalt.

Passte alles nicht. Ich rieb mich weiter auf und es eskalierte. Ich bekam Angst vor ihm und flüchtete ins Frauenhaus. Ich war alleine. Mal wieder.

Und wieder ließ ich mich überreden und ging zu ihm zurück. Wir zogen um in eine andere Stadt.

Mein Sohn ging dort in den Kindergarten. Nur sehr ungern, dort war er oft krank. Kurz nach unserem Einzug fiel er die Treppe hinunter und hatte eine Platzwunde. Mein Studium? Nur noch ein Haufen Schulden. Mein Leben? Eine Katastrophe. Ich hatte Depressionen und dachte über Selbstmord nach. Ich konnte einfach nicht mehr.

Dann schubste mich mein Mann. Und ich bekam noch mehr Angst. Mittlerweile war ich in einem Forum über emotionale Gewalt und mir wurde einiges klar. Ich hatte dort Rückhalt und Menschen, die mir glaubten. Und endlich hatte ich die Kraft, ihn endgültig zu verlassen. Ich zog zu meinen Eltern und blieb dort für 6 Wochen. Ich hängte mein Studium an den Nagel und kämpfte beim Arbeitsamt für einfach alles. Und dann fing der Sorgerechtsstreit an.

Mittlerweile litt ich unter PTBS, ich hatte einen Burn Out und Depressionen. Aber mich sah niemand. Ich nahm Antidepressiva um überhaupt irgendwie den Tag zu überstehen. Trotzdem, für mein Kind gab ich alles, was ich konnte. Es war nur leider nicht genug. Das war es nie.

Ein Jahr nach der Trennung lernte ich einen neuen Mann kennen. Und wieder änderte sich alles. Er veränderte mich. Er stärkte mir den Rücken. Er sagte mir, was richtig und falsch sei, er war für mich da und er half mir, wo er konnte. Und ich, bis dahin Fremdbestimmt, allein, war dankbar für seine Hilfe und tat alles, was er wollte. Er wusste ja, was gut war. Für mich und mein Kind.

Tatsächlich waren sehr viele Dinge davon auch sehr gut. Ich bekam wieder Kraft. Ich lernte, meinen Alltag zu Regeln. Ich lernte, eine Mutter zu sein. Ich lernte auch, mich zu wehren, meine Meinung zu sagen und für mich und mein Kind einzustehen. Da führte dazu, dass der Sorgerechtsstreit noch erbitterter wurde. Je enger unsere Beziehung wurde, desto mehr wurde gegen uns gekämpft. Es wurde gehetzt, es wurde geschimpft, es wurde beleidigt. Das alles auch vor dem Kind. Welches bald meinen Mann ablehnte. Und mich.

Wir versuchten alles um dem Kind zu helfen und alles wurde Boykottiert. Um Kleinigkeiten mussten wir kämpfen. Um jede Kleinigkeit!

Machten wir A wurde dort B gemacht, sagten wir C gab es dort grundsätzlich D usw.

Mein Freund und ich stritten uns immer häufiger. Ich rutschte wieder in eine Depression. Ich musste meine Ausbildung aufgeben, weil ich mit meinem Kind für ein paar Wochen in einer Klinik war. Ich hatte gehofft, dort würden sie seine Probleme sehen und mir helfen, dass ich ihm helfen kann. Aber dem war leider nicht so.

Trotz der ganzen Streitereien heirateten wir. Weil es auch sehr viele gute Dinge gab. Nach der Hochzeit gab es wieder ein Gutachten. Ich erzählte von den Problemen, von den Manipulationen, von meiner Angst. Und wurde als Bindungsintolerant hingestellt.

Mein Mann war der Böse,der immer schimpfte. Das war nicht wahr, das tat er nicht. Ganz im Gegenteil rieb er sich genauso wie ich auf um für mein Kind da zu sein und für mich. Aber er wurde gerne so dargestellt.

Ich wurde wieder Schwanger. Und in dem Jahr wurde alles noch schlimmer. Mein Sohn wollte nicht mehr zu mir. Nach jedem Umgang hat er geweint und es gab Theater.

Und dann…

Es war knapp zwei Monate vor der Geburt meiner Tochter. Und zwei Tage vor der Einschulung meines Sohnes. Er sollte zurück kommen, nach einem 3 wöchigem Urlaub bei seinem Papa.

Und er wollte nicht.

Er weinte. Lange. Viel. Ich war verzweifelt. Ich konnte ihn nicht trösten, er ließ mich nicht an sich ran. Wir redeten mit ihm. Er wollte nicht da bleiben. Wir sagten ihm, was passieren würde, wenn er zu seinem Vater geht. Das wollte er. Ich wusste, ich spürte, bestand ich darauf, dass er blieb, würde ich dieses Kind brechen. Und das wollte ich auf keinen Fall.

Mein Mann ging mit ihm in sein Zimmer. Die Koffer packen. Ich wartete vor der Tür. Ich hoffte, ich betete, dass er sagen würde, er will doch bei mir bleiben. Bei seiner Mama. Aber das tat er nicht.

Er half noch mit beim Packen.

Ich rief meinen Ex-Mann an. Ich sagte ihm, er sollte kommen.

Vor der Tür redeten wir nochmal mit ihm. Wir alle. Mein Mann, mein Ex-Mann, seine neue Frau und ich. Wir erklärten ihm, was es bedeute, wenn er zu seinem Vater zieht.

Er war einverstanden. Und ging mit seinem Vater mit.

Und ich zerbrach. Ich spürte, wie alles in mir zersprang und von dem Menschen, der ich war nichts mehr übrig blieb. Nichts mehr. Bis heute.

Das ist jetzt über 2 Jahre her. Ich habe kaum Kontakt zu meinem Sohn. Er will nicht. Ich schreibe ihm eine Postkarte, jeden Monat. Ich Unterschreibe immer mit: Ich denk`an Dich. Ich liebe Dich. Immer. Deine Mama.

Es gab ein paar Umgänge, aber die Meisten wurden abgebrochen. Weil er nicht wollte. Jedes Mal brach ich zusammen, jedes Mal starb etwas in mir. Bis ich sagte, er kommt nicht mehr.

Am 15.04.2016 habe ich ihn das letzte Mal gesehen. Er gab mir die Hand zum Abschied.

Ich habe viele Fehler gemacht. Ich war ihm nie die Mutter, die er gebraucht hätte. Nie. Egal, wie sehr ich mich bemühte, ich war es nicht. Vielleicht schaffe ich es eines Tages, mich nicht mehr vor Schuldgefühlen zu zerfleischen. Vielleicht schafft er es eines Tages, mir zu vergeben.

Und vielleicht können wir eines Tages Mutter und Sohn sein. Vielleicht darf ich das ja dann. Ihm eine Mutter sein. Die Mutter, die er verdient hat.

Jeden Tag hoffe ich darauf. Ich habe mittlerweile zwei weitere Kinder bekommen und die beiden geben mir Kraft. Für sie bin ich die Mutter, die ich für ihn nicht sein konnte. Die Fehler, die ich bei ihm gemacht habe, werde ich nicht wiederholen.

Ich weiss, ich bin nicht alleine Schuld daran. Es gab so viele unterschiedliche Faktoren, die dazu geführt haben, dass er gehen wollte.

Trotzdem gebe ich mir die Hauptschuld daran. Und finde keine Ruhe. Wie soll ich auch?

Wie soll eine Mutter jemals zur Ruhe kommen, wenn ihr Kind nicht bei ihr ist?

Ich bin auch Jahre später noch dabei, mich zusammen zu setzen. Ich bin ein anderer Mensch, eine andere Mutter geworden. Ich werde nie wieder dieselbe sein.

Etwas wird davon bleiben. Und das wird immer wehtun. Immer.

2 Kommentare

Schreibe eine Antwort zu Katharina Lorber Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s