Unerzogen = Ungezogen? Jetzt mal ungelogen!

Vielleicht seid ihr ja schonmal über den Begriff „Unerzogen“ gestolpert. Und vielleicht habt ihr den abgetan als „Kann ja schon nix sein!“.

Leider denken viele direkt an Antiautoritäre Erziehung, oder an Laissez-fairez. Sie denken an kleine Tyrannenkinder, die alles dürfen, den Eltern auf dem Kopf tanzen, nie hören und allgemein ziemliche Arschlöcher sind.

Dabei sind das Assoziationen, die uns aufgedrängt wurden von diversen Büchern über Tyrannenkinder. Davon gibt es eine Menge und alle haben eines gemeinsam: sie machen Angst. Sie zeigen den (werdenden) Eltern auf, was aus ihren Kindern wird, wenn sie nicht richtig erzogen werden. Deshalb verkaufen sie sich auch so gut, denn welcher Elternteil lässt sich schon gerne als Versager hinstellen? Doch genauso fühlen sich die meisten Eltern, wenn die Kinder nicht richtig funktionieren. Und die Bücher sollen zeigen, wie wir sie dazu kriegen, das zu tun, was wir wollen und zwar dann wann wir wollen.

Und wenn wir das geschafft haben, können wir uns kollektiv auf die Schulter klopfen und uns dazu gratulieren, die Kinder gut erzogen zu haben. Sie sind brav, hören immer und bauen nie Mist. Zumindest solange, bis sie aus diesem Käfig, in den wir sie gepresst haben, ausbrechen wollen. Oder sie schlechte Laune haben. Oder es ihnen nicht gut geht. Oder, schlimmer noch, sie einfach ganz normale Kinder sind.

Genau da stoßen diese Bücher an ihre Grenzen. Vielleicht funktionieren die Sachen sogar eine Weile. Aber irgendwann nicht mehr. Weil die Kinder sich weiterentwickelt haben. Oder sich die Situation verändert hat.

Und dann?

Dann gibt es die Fortsetzung, die auch wieder eine Weile funktioniert.

Usw.

Was dabei aber oft übersehen wird ist folgendes:

– unsere Kinder sind alle individuell, was bei Kind A funktioniert muss bei Kind B-Z (inkl. Umlaute) überhaupt nicht funktionieren!

– diese Individualität wird aber weder gesehen noch gefördert

– unsere Kinder werden in ein gesellschaftskonformes System gepresst, damit sie gesellschaftskonform funktionieren

– die Beziehung zwischen uns leidet

– es kostet Nerven – auf beiden Seiten

– den Kindern wird die Verantwortung und Schuld gegeben an Dingen, für die sie weder die Verantwortung tragen, noch an denen sie Schuld haben.

– Familie ist ein System was steht und fällt mit dem Umgang miteinander, in diesen Büchern wird aber alles auf die Kinder „abgewälzt“.

Hier kommt dann die Bedürfnisorientierte Erziehung ins Spiel und Unerzogen ist ein Teil davon. Diese Art der Erziehung grenzt sich damit ab, dass sie eigentlich keine Erziehung ist. Sie setzt auf die Beziehung zum Kind.

Bei dieser Idee gehen die Eltern davon aus, dass die Kinder:

– von Grund auf Gut und Kooperativ sind

– bereits ab Geburt ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft sind

– Kinder Individuen sind, deren Individualität gefördert werden muss

– Kinder bedingungslos geliebt werden sollten, von Anfang an und auch (bzw. gerade dann) wenn sie sich eben nicht so Verhalten, wie wir es erwarten

– wir keine Erwartungen haben sollten, da wir sonst nicht frei genug sind um in einer Situation angemessen zu reagieren

Okay, also, was meine ich mit letzterem?

Wenn wir die Erwartung haben, dass unser Kind zu funktionieren hat, drücken wir ihm bereits einen Stempel auf. Funktioniert es dann anders, sind wir wütend oder enttäuscht und lassen es das Kind mehr oder weniger spüren.

Zum Beispiel:

Wir erwarten, dass das Kind mit 4 Jahren doch langsam wissen MUSS, dass es aufzuräumen hat, wenn es ins Bett geht.

Vielleicht weiss das Kind das auch. Aber es will nicht aufräumen. Wir sind darüber wütend, fühlen uns hilflos und als Versager, weil wir es nicht geschafft haben, dem Kind diese simple Sache beizubringen. Also versuchen wir noch die Kurve zu kriegen und mit schimpfen, drohen etc. räumt das Kind (widerwillig und vielleicht sogar unter Tränen) auf. Aber hej, wir haben uns durchgesetzt!

Unser Gefühl ist aber mies. Das Kind fühlt sich auch mies. Ein blöder Abschluss für einen Tag…

Wenn wir uns von solchen Erwartungen aber frei machen und das Kind als gleichberechtigt ansehen, gehen wir mit ihm auf Augenhöhe. Wir fragen, warum es nicht aufräumt. Vielleicht sagt es uns, dass es morgen noch weiterspielen will. Vielleicht ist es auch einfach zu müde.

Wir versuchen zusammen eine Lösung zu finden, die für alle gut ist. Und hinterfragen uns als Eltern. Muss es denn wirklich jetzt weggeräumt werden? Ist es gefährlich, wenn das Kind Nachts aufsteht? Vielleicht kann man das ja in eine Ecke räumen?

Wir reden mit dem Kind. Wir sind weder wütend noch enttäuscht, weil es keinen Grund gibt. Das Kind hat das Recht darauf, nicht aufräumen zu müssen.

Stellt euch doch mal vor, ihr macht ein Puzzle. Mitten im Flow kommt euer Mann und sagt, ihr müsst jetzt ins Bett. Und das Puzzle muss weg. Die stundenlange Arbeit, die ihr hattet wäre umsonst gewesen. Ihr wehrt euch natürlich, das wollt ihr morgen weitermachen. Aber euer Mann besteht darauf und fängt an zu drohen. Wenn ihr das nicht wegräumt, macht er es, aber dann landet es im Müll! Euer schönes Puzzle!!! Er schreit euch an und irgendwann räumt ihr es halt weg.

Was würde das machen in eurer Beziehung? Davon ab, dass euer Mann wohl (hoffentlich) nie so mit euch umgehen würde.

Warum gehen wir dann mit unseren Kindern so um?

Ganz einfach: weil wir es können. Weil sie klein sind und wehrlos.

Und, ganz genau betrachtet, ist das ziemlich schäbig. Wir bringen den Kindern bei, nicht auf die Schwachen loszugehen, zeigen ihnen aber genau das und das jeden Tag.

Genau das ist aber Erziehung. Leider kennen wir es aber selber nicht anders. Und unsere Eltern auch nicht. Die wenigsten haben etwas anderes erlebt.

Unerzogen bedeutet aber auch, sich genau davon frei zu machen. Sich ständig und immer zu hinterfragen. Ist MIR das wichtig oder will ich das, weil es eben so gemacht wird?

Ist es ein Teil meiner Vergangenheit?

Warum will ich das? Muss das jetzt so sein? Geht es auch anders? Warum bin ich verletzt/wütend/enttäuscht?

Unerzogen setzt vor allem bei den Eltern an. Es ist eine tägliche Herausforderung, denn es ist schwer, sich immer und in jeder Situation zu reflektieren. Zu schauen, welcher Anteil von einem da gerade was von dem Kind will. Und auch das abzulegen, was erwartet wird.

Traurigerweise wird von uns Eltern erwartet, dass wir unsere Macht, die wir den Kindern gegenüber haben, einsetzen um unseren Willen durchzusetzen. Der Wille des Kindes wird meist negiert, wenn er denn überhaupt wahrgenommen wird. Denn „der ist noch klein, der weiss ja garnicht, was gut für ihn ist!“.

Nun. Doch.

Natürlich weiss ein kleines Kind nicht, dass es sich am heissen Ofen böse verbrennen kann oder überfahren wird, wenn es einfach auf die Strasse rennt. Das wissen wir „Großen“ wirklich besser. Aber wir müssen unsere Macht nicht einsetzen um uns durchzusetzen.

Kinder sind nicht dumm!!

Sie sehen ja, wie schnell die Autos fahren. Sie spüren auch von weitem schon, wie heiss der Ofen ist. Wenn wir sie begleiten und erklären, warum wir nicht wollen, dass sie an den Ofen gehen oder warum es wichtig ist, dass sie an der Strasse an der Hand laufen (ja,auch mehrere Millionen Mal), dann verstehen sie es meistens. Vielleicht nicht unbedingt direkt so, wie wir das meinen (heisser Ofen = Verbrennung), aber auf einer anderen Ebene verstehen sie den „Ernst der Lage“. Weil wir es in unseren Worten mit transportieren.

Und genau das ist auch mit ein Grund, warum es so wichtig ist, uns immer und immer wieder zu hinterfragen, denn je mehr wir hinter dem stehen, was wir wollen, desto besser transportieren wir das in dem, was wir sagen und desto besser versteht es das Kind.

Wenn wir etwas wollen, nur weil es eben so gemacht wird, spürt das Kind, dass wir da nicht wirklich hinterstehen und wird sich dementsprechend verhalten. Vielleicht kooperiert es trotzdem – einfach weil die Kooperation lebenswichtig ist für das Kind. Vielleicht spiegelt es aber unsere Unsicherheit und weil es nicht weiss, was es tun soll, macht es garnichts. Wir Interpretieren es dann als „Das Kind hört einfach nicht!!“. Dabei stimmt es nicht.

Es hört ja. Es hört immer auf uns. Nur „hört“ es oft auf die ungesagten Dinge.

Das sollten wir uns auch immer wieder bewusst machen. Wir reagieren ja genauso. Wenn unser Chef zu uns kommt und sagt: „machen sie das mal bitte fertig“ dabei aber wegschaut und mit Gedanken ganz woanders ist, werden wir das nehmen und weglegen und ins wichtigeren Dingen zuwenden. Denn er transportiert mit dem, wie er es sagt, dass das jetzt überhaupt keine Priorität hat und warten kann. Es ist unwichtig.

Blöd nur, wenn es sich um eine absolut wichtige Fristeinhaltung handelt. Aber woher sollen sie das wissen?

Wenn er zu ihnen kommt, ihnen das in die Hand gibt, in die Augen schaut und mit Nachdruck sagt:“Machen sie das bitte jetzt fertig, das ist sehr wichtig!“ Dann lassen sie alles andere stehen und liegen und kümmern sich zuerst darum.

Bei Unerzogen machen wir genau das. Wir zeigen dem Kind, in dem wie wir etwas sagen und worum wir bitten, was Priorität hat. Und da ist es eben ein Unterschied, ob wir das wollen, weil es wichtig ist (zB an der Strasse an der Hand zu gehen) oder es es nur etwas ist, was eben so gemacht wird (zB beim Essen sitzen zu bleiben, bis alle fertig sind).

Unerzogen bedeutet also nicht, dass das Kind völlig alleingelassen wird. Das wird es nicht, nie. Es wird sogar wesentlich mehr begleitet und wahrgenommen als bei einer „herkömmlichen“ Methode. Weil wir ständig bei dem Kind sind. Wirklich, immer.

Das ist, gerade bei mehreren Kindern, eine echte Herausforderung. Je kleiner sie sind, desto mehr Begleitung brauchen sie. Weil wir eingreifen, bevor etwas passiert. Wenn das größere Kind etwas vom kleineren Kind will und es ihm einfach wegnimmt, können wir mit ihm schimpfen (hör auf das zu tun!), es bedrohen (wenn du nicht aufhörst, ist es weg!!) und bestrafen (geh in dein Zimmer!!). Damit zeigen wir ihm aber nur, dass wir (die noch größeren) das Sagen haben. Was lernt das Kind? Dass es a) uns gegenüber Machtlos ist, es b) dem kleineren Kind gegenüber mehr Macht hat und deshalb über es bestimmen darf und c) dass das kleinere Kind doof ist, denn nur deshalb hat es gerade Ärger bekommen.

Bei der Unerzogen Einstellung versuchen wir vorher einzugreifen (gelingt eben nicht immer). Geht es nicht, versuchen wir zu vermitteln: jetzt hat A damit gespielt, schau, Spiel doch mit was anderem. Oder frag A, ob du das Spielzeug haben darfst. Oder frag A, ob du mitspielen darfst.

Geht das alles nicht, weil B genau dieses Spielzeug genau jetzt haben will, machen wir B klar, dass es eben nicht geht, weil A gerade damit spielt. Dann sind wir aber auch da, wir trösten, zeigen Verständnis und nehmen die Gefühle ernst und wahr.

Wenn es aber bereits zu spät ist und A weint, weil B ihm das Spielzeug weggenommen (oder es gehauen/gebissen/geschubst hat), hilft schimpfen auch nicht weiter, denn die Situation macht es dadurch auch nicht besser (das nur by the way). Dann tröstet man A, erklärt B, warum A weint und versucht zu vermitteln. Natürlich sollte auch erklärt werden, dass Gewalt jedweder Art ein No Go ist. Aber auf Augenhöhe und ohne dabei selber Gewalt anzuwenden!

Je älter die Kinder werden, desto mehr Kompetenzen erwerben sie und desto einfacher wird es. Wir müssen nicht immer und jede Sekunde bei ihnen sitzen (das geht auch garnicht).

Unerzogen hat keinen eigentlichen Leitfaden, weil alles immer Situationsbedingt ist. Es hat deshalb aber auch keine Grenzen. Und, es funktioniert. Weil die Kinder mit uns grundsätzlich kooperieren wollen.

Wir können pauschal davon ausgehen, dass die Kinder sowieso kompetent sind, von Anfang an und die Fähigkeiten die sie zum (Über)leben brauchen erwerben werden. Sowieso. So wie laufen gelernt haben, oder sprechen, oder auf die Toilette gehen. So werden sie auch alles andere lernen. Wenn wir sie lassen.

Wir können entscheiden, wie.

Entscheiden wir uns dazu, sie zu erziehen, dann verbiegen wir sie zu Marionetten, mehr oder weniger, aber grundsätzlich immer.

Entscheiden wir uns dazu, in Beziehung zu ihnen zu gehen, helfen wir ihnen, die liebevollen, großartigen, individuellen Menschen zu werden, die sie eigentlich schon sind. Wir begleiten sie nur dabei.

Und das wir das überhaupt dürfen ist schon ein großes Glück.

Unerzogen steht für eine Lebenseinstellung, die aus Achtsamkeit, Wertschätzung und vor allem Liebe besteht. Sie macht aus uns und unseren Kindern bessere Menschen, die das weitergeben können.

Was viele übersehen: es gibt keinen Verbrecher, keinen Despoten, keinen Gewalttäter etc der eine liebevolle und bedürfnisorientierte Kindheit hatte!

Ich hoffe, ich konnte euch das Konzept ein wenig näher bringen? Wenn ihr noch Fragen habt, schreibt mir, ich freue mich drauf.

Eure Mel

4 Kommentare

  1. Hi, danke für diesen Artikel, fand ich sehr interessant!
    was sagt Jesper Juul (oder du auf dessen Hintergrund) zum Thema Medien? Das würde mich sehr interessieren… gerne auch eine Buchempfehlung oder so 🙂 danke schon mal!

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    • Hallo Socopuk,

      ich kann Dir diese Frage leider nicht beantworten, weil ich mich damit nicht auseinander gesetzt habe. Zum Thema unerzogen gibt es aber tolle Blogs (zB der Kompass), ich glaube, dort wird dieses Thema aufgegriffen. Soweit ich weiss, wird dieses Thema sehr selbstbestimmt gehandhabt, das heisst, die Kinder dürfen selber entscheiden, wie lange und oft sie z.B am Tablet schauen.

      Liebe Grüße,
      Melanie

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