Die Scheidung

Sie ging in das kleine Büro. Sie musste direkt Lächeln, denn genau so hatte sie es sich vorgestellt: dunkle Vollholzmöbel, an der Wand Diplome und Auszeichnungen, ein wenig Kunst. Der Tisch leer bis auf einen Computer und die Tastatur. Es roch leicht muffig nach viel Arbeit und Schweiss und als wäre seit Ewigkeiten das Fenster nicht aufgemacht worden.
Der Teppich war dunkelgrün oder grau, jedenfalls so alt, dass die Farbe nicht mehr wirklich sichtbar war.
Die schlanke, fast magere Frau, setzte sich auf einen der Stühle, die ordentlich vor dem Tisch standen. Sie sah gepflegt aus, die Haare zu einem strengen Dutt zusammengebunden, die Hände sauber und die Nägel kurz. Sie war blass, hatte tiefe Augenringe und schien erschöpft zu sein.

Dankbar, kurz sitzen zu können, seufzte sie auf. Sie war nervös. Immer wieder strich sie ihr Kleid glatt. Sie fummelte an imaginären Fusseln. Ihre Füße, die ausnahmsweise in Turnschuhen steckten, wippten auf und ab. Was würde sie erwarten? Sie wollte eigentlich zu einer Frau, doch man sagte ihr, dass dies nicht machbar sei. Also ging sie zu einem Mann.

Würde er sie verstehen? Wie könnte ein Mann denn jemals die Gefühle einer Mutter nachvollziehen? Sie schüttelte den Kopf.
Es war sein Job für sie das Beste zu erreichen, dafür würde sie ihn gut bezahlen.
Alles andere war doch egal. Sie lächelte wieder. Manchmal war sie viel zu Gefühlsduselig. Genau das, was ihr noch Ehemann ihr so gerne Vorwarf. Zumindest in diesem Punkt schien er Recht zu haben.
Der Mann auf den sie wartete, kam rein. Er war ziemlich beleibt, hatte kurze, graue Haare und einen kleinen Oberlippenbart. Seine Kleidung und ganze Erscheinung passte zu der Einrichtung. Seine Hose hing locker um seine Beine und ein graues Hemd steckte im Hosenbund. Sowohl der Mann als auch seine Erscheinung wirkten alt und verbraucht. Sie schämte sich gleich für diesen Gedanken, denn schließlich sollte er ihr helfen.
Seine Stimme war leise und angenehm dunkel.
„Frau Wagner, es freut mich, sie kennenzulernen. Was kann ich für sie tun?“ wollte er direkt wissen. Er kam schnell zum Punkt, das gefiel ihr.
„Ich will mich scheiden lassen.“ antwortete sie. Diese Worte zu hören machte es irgendwie noch echter. So, als sei es bis jetzt nur ein Gedanke gewesen. Eine Phantasie. Aber nun, da sie es ausgesprochen hatte, wurde es wahr. Der Mann nickte.
„Warum?“ fragte er wieder ohne Umschweife. Dabei sah er direkt in ihre Augen, was sie etwas irritierte. Er hatte sehr blaue Augen, die sanft leuchteten. Sie fragte sich unwillkürlich, ob er ihr wirklich würde helfen können. Sie brauchte einen scharfen Hund als Anwalt und keinen harmlosen Kläffer.
Nun, bisweilen gab es aber wohl nur ihn.
„Weil er sich nicht kümmert. Weder um mich, noch um unsere Tochter. Wir sind ihm egal. Ich bin alleine mit ihr, er ist immer arbeiten oder hurt herum. Ich versuche seit Monaten mit ihm zu reden, aber er weicht immer aus und verschwindet dann wieder für ein paar Tage. Das ist doch keine Ehe!“ sie merkte, wie sie wieder wütend wurde.
Dabei begann alles so traumhaft.
Vor ein paar Jahren lernten sie sich im Urlaub kennen. Er als erfolgreicher Immobilienmakler und sie als Lehrling an seiner Seite. Es war wie in einem Kitschroman. Doch je mehr und öfter sie zusammen arbeiteten, desto mehr verliebte sie sich in diesen Mann. Er war sehr gut gebaut und hatte eine Figur wie eine Marmorstatue. Seine Augen waren von so einem intensiven Grün, dass ihr die Luft wegblieb, sobald er sie damit ansah. Er war groß, hatte dunkle Locken und war so ganz anders als alle anderen Männer, die sie kannte. Er wusste immer, was er wollte und wie er es bekam. Er war charmant, liebenswert, höflich, ein Gentleman der alten Schule. Und er wollte sie.
Sie, das kleine, magere Mädchen, das sich als hässlich empfand. Sie schämte sich, denn wer machte schon eine Ausbildung mit Ende 20? Da, wo andere bereits eine Familie und ein Haus hatten, fing sie gerade erst an, ihr Leben zu leben.
Vorher war sie lange krank, jedenfalls offiziell, kümmerte sich um ihre Mutter, die ebenfalls krank war, bis sie starb. Regelte alles, was es zu regeln gab und stand vor dem Nichts.
Sie war alleine. Und blieb es. Nur der Alkohol und die Schmerztabletten gaben ihr etwas Wärme. Ihren Vater hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen und wollte es auch nicht. Er war der Grund für die Krankheit ihrer Mutter die sie letztlich das Leben kostete. Sage nochmal einer, Depressionen seien nicht tödlich. An einem besonders einsamen Tag wollte sie es ihrer Mutter gleich machen und sich umbringen. Aber sie wurde rechtzeitig gefunden, aufgepäppelt und irgendwie bekam sie die Hilfen, die sie brauchte. Sie lernte Menschen kennen, die nett zu ihr waren. Etwas, was sie vorher nicht kannte. Ihr Vater prügelte nur oder brüllte und die Mutter, ohnmächtig vor Angst und Hilflosigkeit, sagte und tat nichts. Auch später noch, als er längst weg war, behielt sie diese Starre bei. Und so musste sie, selber gerade erst 10 Jahre alt, sich um ihre Mutter und die kleine Schwester kümmern.
Sie ging nicht mehr zur Schule. Sie pflegte die Mutter, ging einkaufen, lernte das Geld einzuteilen, ging arbeiten um mehr zu verdienen, ließ sich Dinge gefallen, die sich kein Kind antun sollte, nur damit sie nicht verhungerten. Sie hielt den Vermieter mit ihrem Körper hin, wenn er Miete wollte, mehrmals im Monat.

Sie half ihrer Schwester bei den Hausaufgaben und schaute, dass sie ordentlich aussah, sie sorgte dafür, dass sie lernte, dass sie, wenigstens sie, ein gutes Leben hatte. Mit 13 hatte sie sich bereits schon lange aufgegeben. Sie funktionierte und lügte, wo sie lügen musste, betrog wo lügen nicht halfen und hielt ihren Körper hin, wenn alles andere nichts half. Sie stahl wo und was sie konnte.

Nach aussen merkte kaum jemand was und der, der was merkte, hielt die Klappe.
Ihre Schwester schaffte es das Abitur zu machen und erzählte überall, ihre Mutter sei tot und ihre Schwester krank. Deshalb seien sie nie zu sehen. Sie schämte sich für sie und das war verständlich. Sie zog weg, ans andere Ende von Deutschland und meldete sich nie wieder.
Also blieb sie alleine mit ihrer Mutter. Die nie sprach und sie, wenn überhaupt, aus gebrochenen Augen ansah. Sie hasste sie, hasste alles, was mit ihr zu tun hatte. Sie hasste ihr Leben und sich und war erleichtert, als ihre Mutter endlich tot war.
Überrascht war sie allerdings von der Einsamkeit, die doch eine andere war als vorher. Es war still. Viel zu still. Wenn sie nicht schon vorher den Alkohol ihrer Mutter mitgetrunken hätte, spätestens da hätte sie wohl damit angefangen.
Ihr Körper, kaputt von den tausendfachen Misshandlungen und Vergewaltigungen, schmerzte sie jeden Tag und erinnerte sie daran, wie abstoßend sie war.
Und dann, mit Ende 20 fing sie also an, endlich ihr eigenes Leben zu leben. Und lernte direkt einen wundervollen Mann kennen. Sie wollte eigentlich keinen Mann in ihrem Leben. Dafür hatte sie zuviel gesehen, zuviel erlebt. Bloss nie wieder jemanden an sich, an ihren Körper lassen. Doch sie hatte nicht damit gerechnet, sich zu verlieben.
Er war freundlich zu ihr und behandelte sie wie einen Menschen. Mehr noch, wie eine Frau. Sie fühlte sich in seiner Nähe attraktiv und gewollt. Das gefiel ihr. Sie fingen bald eine Affäre miteinander an. Heimlich, denn es war verboten auf der Arbeit.
Irgendwann legte er ihr nahe, sich woanders etwas zu suchen und vermittelte ihr sogar einen anderen Job. Damit sie freier ihre Beziehung genießen könnten, meinte er. Sie sah das ein und fügte sich.
In dem neuen Job machte sie zwar keine Ausbildung, aber er sagte, sie bräuchte sie nicht, denn an seiner Seite würde sie nie Geldsorgen haben.
Sie flogen zusammen in den Urlaub und sie genoß seine Aufmerksamkeit und gab ihm das, was und wann er wollte. Sie wusste, wie man Männer glücklich machte und manchmal konnte sie es sogar genießen.
Es ging ihr so gut wie noch nie vorher in ihrem Leben. Auch wenn er zwischendrin ausfällig wurde, sie als Hure und nutzloses Stück Scheisse beschimpfte, dann endschuldigte er sich, immer.
Er hatte halt oft sehr viel Stress auf der Arbeit und war lange weg. Aber ihr machte es nichts aus. Er war ein guter Mann.
Die Hochzeit war der schönste Tag in ihrem Leben. Da sah sie auch darüber hinweg, dass es nur auf dem Standesamt war. Und er danach direkt wieder arbeiten ging. Und keine Gäste da waren. Aber er schenkte ihr einen wunderschönen Ring und einen kleinen Hund, den sie „Sam“ nannte. Nach Samweis aus dem Herrn der Ringe. Sie mochte seine Treue.
Sam wirbelte ihr Leben durcheinander und er war immer an ihrer Seite. Sie liebte diesen Hund und verwöhnte ihn, wo sie konnte. Wenn ihr Mann Zuhause war, musste der Hund allerdings im Keller auf sie warten. Er heulte dann und es tat ihr leid, das zu hören, aber ihr Mann wollte ihn nicht in seiner Nähe. Aber er war sowieso selten da, also war das okay für sie.
Einmal stritten sie sich, weil der Hund aus dem Keller geflüchtet war und seine Schuhe ruiniert hatte. Er wollte ihn rausschmeißen, doch sie setzte sich für Sam ein. Zum ersten Mal in ihrem Leben hielt sie jemandem stand. Doch ihr Mann war stärker. Er schlug sie grün und blau und als sie aus ihrer Ohnmacht wach wurde, fehlte von Sam jede Spur.
Ihr Mann erklärte ihr später, als er sich endschuldigte und seinen Sex bekam, den er immer bekam, wenn er sich entschuldigt hatte, schließlich war es eine Überwindung für ihn, dass er die Tür aufgemacht hat um die Schuhe wegzuschmeissen und der Hund dann rausgerannt sei. Er habe ihn überall gesucht, wirklich überall, aber leider war von Sam keine Spur zu sehen.
Sie verzieh ihm und fand es toll, dass er den Hund sogar von der Polizei suchen ließ, wo er ihn doch eigentlich nicht leiden konnte.
Dann wurde sie schwanger. Sie dachte, sie sei unfruchtbar, aber anscheinend hatte sich ein Arzt vertan. Er tobte, schrie sie an, er verprügelte sie wieder, doch sie wollte das Kind behalten. Und sie setzte sich durch. Er gab auf und sie behielt das Kind.
Sie war noch nie so glücklich. Jeden Tag las sie sich im Internet die Fortschritte ihres Babys durch und schwor ihm, dass sie alles, alles dafür tun würde, dass es niemals so eine Hölle durchmachen musste, wie sie.
Ihr Mann wollte, dass sie Abtrieb. Er redete ihr ein, sie wäre sowieso eine schlechte Mutter aufgrund ihrer Vergangenheit und ob sie das wirklich ihrem Baby antun wolle. Er redete abwechselnd mit Engelszungen oder brüllte und schlug auf sie ein. Sie ertrug es. Sie dachte, wenn er erst dieses Wunder sehen würde, wenn er das Baby halten würde, dann würde alles gut werden. Dann werden sie eine richtige Familie.
Sie malte sich ihr Leben als Mutter in den schönsten Farben aus. Sie spürte immer mehr die kleinen Tritte, sie hörte beim Arzt, dass sie ein kleines Mädchen bekommen soll. Er wollte nichts davon wissen. Sie blühte richtig auf, sie fühlte sich wunderschön und geliebt und war einfach glücklich. Jeden Tag redete sie mit ihrer Tochter, sie wollte sie Yvonne nennen, nach der einen Freundin, die sie irgendwann mal hatte.
Sie kaufte Anziehsachen und richtete das Zimmer her. Sie malte Bilder an die Wand von Feen und Blumen und einer großen und hellen Sonne. Für ihre Tochter sollte die Sonne immer scheinen.
Sie seufzte. Ihr Traum ging leider nicht in Erfüllung. Drei Jahre hatte sie es versucht. Drei Jahre blieb sie bei ihm und wollte doch nur für ihre Tochter eine heile Familie. Doch nun sah sie ein, dass es keinen Sinn hatte und sie sich scheiden lassen musste. Mit ihrer Tochter wollte sie wegziehen. Weit weg von diesem Monster.
Der Mann sah sie noch immer an. „Frau Wagner, wie genau stellen sie sich diese Scheidung denn vor?“ wollte er wissen.
Sie fand die Frage seltsam. „Naja… Sie schreiben ihm, dass ich mich scheiden lassen will. Ausgezogen bin ich mit meiner Tochter ja bereits.“ Er nickte. „Hat er denn Kontakt mit ihr gehabt seitdem?“ fragte er weiter. Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Er kommt sie nie besuchen. Sie fragt aber auch nicht nach ihm. Warum sollte sie auch, sie kennt ihn nicht. Er war ja nie für sie da. Ich denke er interessiert sich nicht für sie.“ sie merkte, wie etwas an ihrem Bewusstsein zupfte. Leicht, leise. Aber aufdringlich. Doch sie schenkte dem keine Beachtung.
Der Mann lehnte sich zurück. Dabei knarzte sein Stuhl. „Frau Wagner, was meinen sie, warum er keinen Kontakt sucht zu ihrer Tochter?“ bohrte er weiter nach. Sie mochte diese Befragung nicht. Er sollte nur einen dummen Brief schreiben und sie nicht über ihre Tochter ausfragen.
Wieder spürte sie dieses leichte zupfen. Stärker diesmal. Doch sie war darauf gedrillt zu tun, was andere sagen. Also antwortete sie.
„Weil er sie nie wollte. Als ich schwanger wurde, ist er total ausgeflippt. Die ganze Schwangerschaft über wollte er, dass ich abbreche. Selbst im letzten Monat noch. Er kenne da ein paar Leute, die würden das machen, meinte er.“
„Und trotzdem blieben sie bei ihm? Warum?“ die Fragen begannen sie zu nerven.
„Weil ich gehofft hatte, dass er sie lieben wird, wenn er sie erst im Arm hat.“ gab sie zu.
Der Mann legte den Kopf leicht schräg. „Und? Wie war es, als er sie dann im Arm hatte?“ hörte er nicht auf, sie zu Löchern. Sie fühlte sich langsam wie bei einer Anhörung von der Polizei.
Wieder dieses Zupfen. Sie kratzte sich am Kopf. Sie spürte, wie sie sich schwerer konzentrieren konnte.
„Nun, er war nicht dabei als sie geboren wurde.“ erzählte sie. Konnte das jetzt bitte ein Ende haben?
„Wie war denn die Geburt von Yvonne, so heisst ihre Tochter, richtig?“ sie nickte, kurz keimte in ihr die Frage auf, woher er den Namen wusste, den hatte sie ihm nicht gesagt. Oder doch? Sie wusste es nicht mehr.
Sie erinnerte sich nur ungern daran. Es war kurz vor dem eigentlichen Termin. Sie hatten sich wieder gestritten. Er wollte Sex, doch sie weigerte sich, sie hatte Schmerzen und war müde. Doch er nahm sich einfach, was er wollte, das tat er immer. Als sie danach weinte, weil sie Angst hatte, dass er dem Baby was getan hat, explodierte er. Wieder und wieder prügelte er auf ihren Bauch ein, er schrie und brüllte sie an und als sie auf dem Boden lag, trat er sie, in den Bauch und dann, weil sie sich schützend um ihren Bauch legte, in den Rücken. Solange, bis er völlig außer Atem war. „Ich hoffe, ihr beide sterbt!“ spuckte er ihr noch entgegen, dann ging er.
Sie lag auf dem Boden, blutend und hatte starke Schmerzen im ganzen Körper. Sie zitterte, denn ihr wurde klar, dass er sie tatsächlich hätte umbringen können. Sie und ihr Baby.
Wie immer spürte sie in ihren Bauch. Doch sie spürte diesmal nichts. Sie bekam keine Antwort auf ihr sanftes Fragen.
Langsam stieg Panik in ihr hoch. Irgendwie schaffte sie es aufzustehen. Sie humpelte, fiel, kroch zu ihrem Handy. Vor Tränen konnte sie kaum etwas sehen, vor Schmerzen und Angst kaum atmen. Sie wählte den Notruf, doch noch bevor sie reden konnte, wurde um sie herum alles schwarz.
„Ich weiss es nicht.“ sagte sie kleinlaut. Wieder dieses Zupfen, es wurde stärker, lauter. Irgendwas stimmte nicht. Irgendwas stimmte ganz und gar nicht. Sie bekam Angst.

„Ich gehe jetzt. Ich muss zu meiner Tochter.“ sprach sie weiter und stand auf. Der Mann stand ebenfalls auf. „Frau Wagner, bitte setzen sie sich wieder. Wir haben noch etwas Zeit.“ forderte er sie freundlich auf.

Doch sie schüttelte den Kopf. „Ich muss zu meiner Tochter!“ bestand sie. Er schaute sie nur an. „Wo ist ihre Tochter denn gerade?“ fragte er.
Sie überlegte. Sie war aufgewühlt. „Sie ist.. sie ist… Sie ist bei ihrer Oma.“ fiel ihr endlich ein. Erleichtert darüber setzte sie sich. Bei ihrer Oma war sie in Sicherheit. Dort kam er nicht hin. Niemals.
Der Mann setzte sich ebenfalls. Doch noch immer kam ihr alles seltsam vor. Sie fühlte sich, als sei sie in einem Film.
„Frau Wagner, sie können sich nicht scheiden lassen. Sie waren nie verheiratet.“ platzte er heraus.
Das Zupfen wurde zu Schmerz. Und er konnte an ihren Augen sehen, dass sie wusste. Sie wusste wieder.

Alles.

Sie schrie. Und er holte seine Spritze hervor, mit der er sie beruhigen konnte. Dann klingelte er nach der Schwester.
Sie holte die mittlerweile apathisch wirkende Frau ab. Kurz darauf kam sein Kollege.
„Und? Schlagen die neuen Tabletten an?“ wollte er wissen. Der Mann nickte.
„Sie hat sich erinnert, das arme Ding. Jetzt kann sie aufhören sich vorzumachen, er würde sich nur nicht interessieren und sie wäre alleine mit ihrer Tochter. Jetzt kann sie anfangen, ihren Tod aufzuarbeiten. Es hat zwar drei Jahre gedauert, aber ich glaube, die Amnesie ist nun vorbei.“ was er nicht sagte war, wie leid sie ihm tat.
Sie wurde in der Wohnung gefunden, dem Tode näher als dem Leben. Ihr Mann hatte es geschafft, durch seine Brutalität hatte er das Baby getötet. Seine Frau wollte es nicht wahrhaben, als sie ein paar Tage später aus dem Koma geholt wurde. Sie flüchtete in eine Traumwelt, in der sie mit ihrer Tochter vereint war. Der Mann wurde angeklagt und kam ins Gefängnis. Dort wurde er von den Mitgefangenen dermaßen malträtiert, dass er sich das Leben nahm. Der Arzt hoffte, dass er nun in der Hölle schmoren würde.
Verheiratet waren die beiden auch nie. Direkt einen Tag nach der Hochzeit annullierte dieses Monster diese Ehe. Sie lebte die ganze Zeit in einer Illusion, die sie fast das Leben kostete.
Doch was war das nun für ein Leben? Eingeschlossen in einer Psychiatrie ohne Aussicht darauf, jemals ein normales Leben führen zu können. Sie wurde zerstört durch die Menschen, die sie eigentlich beschützen mussten.
Er schüttelte den Kopf. Diese Welt war schlecht. Doch er durfte das nicht so an sich ranlassen, sonst würde er auch noch so enden.
Bevor er nach Hause ging, sah er nach seiner Patientin. Sie würde morgen wiederkommen. Sie würde wieder denken, sie war bei einem Anwalt und reiche nur die Scheidung ein. So wie jeden Tag. Aber heute war etwas anders. Heute brach die Erinnerung raus und vielleicht konnte er endlich damit anfangen sie zu heilen.
Aber eigentlich wünschte er ihr, dass sie in ihrer Traumwelt bliebe. Dort ging es ihr gut. Hier wartete nur unendliches leid auf sie.
Er seufzte. Er war viel zu Gefühlsduselig. Er konnte nicht alle retten. Doch für sie würde er es versuchen. Sie hatte ein wenig Glück verdient. Und Liebe. Deshalb gab er sie auch nach mehreren Jahren nicht auf.
Auch wenn sie es nicht merkte. Aber es gab einen, der sie wirklich und aufrichtig liebte. Und er tat alles für sie.
Vielleicht würde es eines Tages reichen.
Vielleicht.
Eines Tages

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2 Kommentare

    1. Danke 💖💖💖 die Rückmeldung freut mich sehr, wirklich 😊
      Puh, ein Buch wäre da schon heftig, weil das Thema auch sehr übel ist und ich wüsste nicht, wie ich das weiter ausbauen kann. Es wird also nur diese Kurzgeschichte bleiben 😉

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