Das kleine Mädchen

Sie lag alleine auf ihrer Pritsche im Dunkeln und starrte an die Decke. Zumindest versuchte sie es, aber es war so dunkel, dass sie die Decke nicht sehen konnte.

Es war okay.

Sie kannte diese Dunkelheit. Sie kannte diese Pritsche und sie kannte diesen Raum, in dem sie lag. Ein kleiner Raum, gerade groß genug für dieses Bett und einen kleinen Tisch. Ein kleines Fenster war irgendwo dort oben. Zu hoch für sie und zu klein um raussehen zu können. Sie kannte diesen Raum seit ihrer Geburt.

Sie konnte nicht schlafen. Auch das kannte sie. Sie spürte wie die Dämonen wieder nach ihr griffen. Sie hörte sie lachen, sie hörte, wie sie von ihnen verspottet wurde. Sie wusste, es brachte nichts, wenn sie sich wehrte. Also ließ sie es über sich ergehen.

Sie weinte. Leise. Stumm. Es war niemand da, der sie trösten konnte. Vor langer Zeit hätte sie jemanden gebraucht. Jemanden, der sie in die Arme nahm und ihr sagte, dass alles gut wird. Aber das passierte nicht. Nie. Sie wurde mit ihren Tränen und ihrem Schmerz so lange alleine gelassen, dass sie nun keine Arme mehr wollte.

Sie wünschte sich raus aus diesem Raum. Sie hasste ihn, hasste ihn mit einer Wut und Leidenschaft, die ein so kleines Mädchen noch nicht kennen sollte.

Und doch war sie es, die diesen Raum selber gebaut hatte. Denn er bot ihr Sicherheit. Dort kam niemand hin, die Mauern waren zu dick, der Ort zu abgelegen. Dort war sie sicher vor dem Schmerz, den ihr diese Welt so oft zugefügt hatte.

Das Problem war die Einsamkeit. Noch so ein Dämon. So sicher wie sie in diesem Raum war, so alleine war sie dort auch. Sämtliche Versuche raus zu kommen endeten mit Schmerz, einmal endete es sogar fast tödlich.
Egal wann, egal bei wem. Es gab für sie nur Schmerz.

Das kleine Mädchen schlag die Arme um ihren mageren Körper. Ihr war kalt. Sie wollte schlafen, vergessen. Doch sie konnte nicht. Zu laut waren die Dämonen. Sie fürchtete sich.

Sie wusste, dass sie sich aussperrte. Von der Sonne, dem Glück. Dem Leben. Sie seufzte.

Wenn sie die Augen schloss, sah sie sich im Spiegel. Eine alte Frau. Graue Haare, Falten, ein abgekämpftes Gesicht. Traurige Augen. Wenn diese Frau nicht mehr lebte würde sie auch wieder frei sein.

Sie schluckte schwer. So viele Dinge waren so verdammt falsch. Sie wollte, dass diese Nacht endlich endete. Dass der Schmerz aufhören würde. Sie wollte doch nur leben. Und traute sich nicht.

Sie sahen sich in die Augen. Das kleine Mädchen und die alte Frau. Sie waren eins. Eine Träne rann aus ihren Augen. Sie waren alleine. Egal, wie oft und wie viele Menschen sie umgaben. Letztendlich waren sie alleine. „Es tut mir leid.“ flüsterte die Frau.

Das Mädchen starrte an die Decke. „Du bist nicht schuld.“ flüsterte sie zurück. Dann schloss sie die Augen. Und hoffte, endlich etwas schlafen zu können.

Alleine.

In der Kälte.

In der Dunkelheit.

Die sie selber erschaffen hatte, weil die Welt da draussen noch kälter und dunkler war als dieser Raum. Sie wollte nur etwas Licht. Doch sie hatte Angst, dafür wieder mit Schmerz bezahlen zu müssen.
Also blieb sie hier. Bis die Frau starb.

Dann würde sie endlich wieder frei sein.

Und das Licht sehen.

Dann.

Endlich.

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