Sie sagte Super


Ich traf mich einmal im Monat mit ihr. Seit Jahren hatten wir dasselbe Ritual. Das gleiche Café, die gleiche Zeit, der gleiche Tag. Wir plauderten über unser Leben, was sich verändert hatte, was wir für Pläne hatten. Manchmal, wenn es bei einem von uns schlecht lief, waren wir auch einfach nur füreinander da.

Das besondere daran war, dass wir unsere Telefonnummern nicht kannten. Oder die Nachnamen. Wir hatten auch sonst nichts miteinander zu tun, wir hatten nur diesen einen Tag im Monat. Aber der war uns wichtig.
Ich mochte sie gerne. Sie war immer fröhlich und gut gelaunt, sie hatte einen wundervollen Humor und ich konnte ihr stundenlang zuhören. Sie war wunderschön, auch wenn sie keine Modelmaße hatte, aber darauf kommt es ja nun wirklich nicht an. Ihre Augen hatten die Farbe von einem dunkelblauen Himmel. Und immer war da dieses Strahlen, das von ihr ausging. Wenn sie lachte, dann steckte es einfach an, ganz egal, wie furchtbar man sich vorher gefühlt hatte.
Ich freute mich immer sehr auf diese Treffen und sammelte den ganzen Monat lang Erlebnisse, die ich ihr erzählen konnte. Und egal, wie stressig es um mich herum war, dieser Termin blieb und fiel seit Jahren nicht ein einziges Mal aus.
Eines Tages aber änderte sich etwas. Ich konnte es nicht wirklich fassen, irgendwas war anders. Sie leuchtete mehr. „Ich habe einen tollen Mann kennengelernt!“ platzte sie auch ziemlich schnell heraus. Ich freute mich mit ihr und sie erzählte mir von ihm. So wie er sich anhörte, war es ein absoluter Traummann. Und sie war im siebten Himmel.
Den ganzen Monat lang begleitete mich ihre Freude und ich war gespannt auf ihre Erzählungen. Ich wusste, sie hatte kein leichtes Leben gehabt und wünschte ihr von Herzen nur das Beste.
Als wir uns wiedertrafen, sah sie ganz anders aus. Ihre Haare waren kurz und das wunderte mich, sie liebte ihre langen Haare. Ich versicherte ihr, wie gut es aussah und sie sagte ebenfalls, dass sie es super fand. Ihr Freund hatte ihr diese Frisur vorgeschlagen und sogar den Friseur ausgesucht.
Noch immer war sie begeistert von ihm und auch dieses Mal kam ich kaum zu Wort. Doch das machte nichts, ich war grundsätzlich jemand, der lieber zuhörte.
Sie erzählte, dass sie einen spontanen Trip nach Paris gemacht hatten und wie wunderschön es gewesen sei. Er kannte dort die besten Restaurants und Lokale. Sie waren natürlich auch auf dem Eiffelturm und es war soo romantisch und erst der Sex, sie kam aus dem Schwärmen nicht mehr heraus.
Ich amüsierte mich ein wenig darüber, sie war wie ein frischverliebter Teenie und zum ersten Mal seit Jahren fand ich es etwas schade, dass wir nicht mehr miteinander zu tun hatten, ich hätte ihren Ritter gerne kennengelernt.
Im nächsten Monat, es war Mai und schon sehr warm, sah sie wieder etwas veränderter aus. Sie trug ein Kleid und das sah ich zum ersten Mal bei ihr. Das hatte er ihr geschenkt und ausserdem sei sie gerade dabei abzunehmen, er habe ihr ein Jahresabo im Fitnessstudio geschenkt. Mir wurde etwas mulmig, doch ich zeigte es ihr nicht. Sie fand es super und fühlte sich offensichtlich wohl, warum sollte ich ihr Glück zerstören? Ihr ging es so gut, doch mir fiel auf, dass sie weniger strahlte. Sie schien weniger Energie zu haben, doch sie winkte ab. Es sei alles etwas stressig auf der Arbeit, kein Problem, es ginge ihr super. Er habe ihr sogar einen Heiratsantrag gemacht. Das muss man sich mal vorstellen. Sie hat natürlich ja gesagt und nächsten Monat würde es soweit sein. Er habe Kontakte, deshalb ginge es so schnell. Ach, sie sei so aufgeregt und nun müsse sie auch wieder los, er wartete auf sie, damit sie ihr Kleid kaufen könne.
Ich war etwas perplex. Das war noch nie passiert, in den ganzen Jahren nicht. Aber ich schob es auf die Aufregung. Meiner Meinung nach ging das alles ziemlich schnell, aber sie schien glücklich zu sein, also versuchte ich mir nicht allzuviele Sorgen zu machen.
Sorgen machte ich mir erst einen Monat später. Sie kam nämlich nicht. Ich wartete drei Stunden, doch von ihr gab es kein Lebenszeichen.
Im Juli dann sah ich sie wieder. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie nicht kam, sie habe es schlicht und ergreifend vergessen, die Hochzeitsvorbereitungen und so. Aber die Hochzeit war super, ein echter Traum. Alle seine Freunde waren da und sie waren sooo nett. Auf meine Frage, warum ihre nicht dabei waren, zuckte sie nur mit den Schultern. Die seien ja alle keine echten Freunde gewesen, niemand habe sich wirklich für sie gefreut als sie sagte, sie würde Heiraten und ausserdem mag er sie nicht. Sie war wieder etwas dünner geworden und ich lobte sie für ihre Disziplin. Sie nickte nur und meinte, sie würde mit ihm fast täglich in das Fitnessstudio gehen. Und abends dann der Sex, da kämen schon ein paar Kalorien zusammen, die sie verlieren würde. Sie lachte, doch das lachen kam nicht von Herzen. Ob sie wirklich jeden Tag Sex habe wollte ich wissen. Ich wusste, sie hatte einen wahnsinnig anstrengenden Beruf und musste fast immer 10-12 Stunden arbeiten. Aber es war ihr Traumjob um den sie jahrelang gekämpft hatte. Sie zuckte mit den Schultern, schließlich seien sie verheiratet und es sei ihre eheliche Pflicht, nicht wahr? Ach und überhaupt, sie müsse schon wieder los, er würde auf sie warten, sie wollten in die Sauna. Jetzt könne sie ja, wo sie endlich abgenommen habe, haha. Wir verabschiedeten uns und der Knoten in meinem Magen wurde immer größer. Irgendwas stimmte da nicht, doch sie sagte, es gehe ihr super und alles sei bestens. Vielleicht sehe ich auch Gespenster.
Der Juli ging und damit ging einer der heißesten Monate zuende. Der August kam und ich fragte mich, wie es meiner Freundin ging. Das fragte ich mich allerdings täglich und überlegte sie nach ihrer Nummer zu fragen beim nächsten Treffen.
Sie kam. Eine Stunde zu spät, sie habe die Zeit übersehen, sie waren im Fitnessstudio. Sie war wieder dünner geworden, mittlerweile sah sie schon fast mager aus. Sie war sehr stark geschminkt, die kurzen Haaren blondiert und sie hatte dieses Braun, das man nur im Sonnenstudio bekommt. Ich fragte sie, wie es ihr gehen würde und sie sagte Super. Sie wurde immer fitter und ich solle mir mal vorstellen, er will Kinder. Ich wunderte mich, ich wusste, dass sie keine wollte. Dafür hatte sie zu hart für ihre Karriere gearbeitet und liebte ihre Freiheit zu sehr. Ich sprach sie darauf an. Ach, dieser blöde Job. Den habe sie längst an den Nagel gehangen. Er meinte, sie müsse eh nicht arbeiten, er verdiene genug. Deshalb habe sie sowieso viel Zeit. Wenn sie nicht gerade im Studio war. Oder mit ihm Sex hatte, haha.
Sie trank einen Milchkaffee und da ich sie als ausgewiesene Veganerin kannte, sah ich sie nur fragend an. Er fände das schwachsinnig und überflüssig, schließlich würden die Tiere ja nur deshalb leben, damit wir sie nutzen könnten und damit habe er ja Recht. Sind ja selber schuld die blöden Viecher, wenn sie sich das alles gefallen lassen, sagte sie.
Ich war entsetzt. Was machte dieses Monster aus meiner liebevollen, emphatischen und mitfühlenden Freundin? Sie merkte wohl, dass es mir nicht passte, jedenfalls wurde sie immer stiller und ging dann schnell wieder. Ich wusste nicht, was ich tun sollte und blieb ratlos zurück.
Im September kam sie wieder nicht. Und im Oktober auch nicht. Im November, ich wollte noch einen letzten Versuch starten, kam sie. So sehr ich mich freute, so sehr erschrak ich, als ich sie sah. Sie war nur noch Haut und Knochen, sie sah mindestens 10 Jahre älter aus. Sie war so Braun, dass es total unwirklich aussah und ähnelte in keiner Weise mehr meiner lebensfrohen und grandios lustigen Freundin. Sie war ein Schatten ihrer selbst. Doch es ginge ihr super, alles war super. Sie war schwanger und das war so toll. Irgendwann musste sich der tägliche Sex ja lohnen, haha. Natürlich habe sie ihn immernoch. Das sei ihre Pflicht und er mochte es nicht, wenn sie sich wiedersetzte, das mochte er garnicht. Und er brauchte den Sex, damit er seinen Stress abbauen könne, das sei wichtig für ihn, er habe ja so viel zu tun in seinem Job und müsse sie schließlich durchfüttern, sie gehe ja nicht arbeiten. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Mir stiegen Tränen in die Augen. Ich wollte meine Freundin wiederhaben. Aber ich wusste, wenn ich sie zu sehr bedrängen würde, würde ich sie ganz verlieren. Also hörte ich zu. Wie super es ihr ging. Und hoffte, sie käme im Dezember wieder.
Doch sie kam nicht.
Im Januar sahen wir uns wieder. Ich hatte sie fast nicht erkannt. Sie konnte nicht kommen, sie war im Krankenhaus. Sie habe das Kind verloren. Aber das machte nichts, es sei ja noch nicht so alt gewesen, erst 11 Wochen. Sie seien eh schon wieder dabei ein neues zu machen. Das würde schon klappen. Es ginge ihr super, alles war super. Ich sah in ihre Augen. Ich sah die Tränen, die sie nicht weinen konnte. Oder durfte.
Sie ging und ich hatte Angst.
Im Februar erzählte sie mir, dass es geklappt habe, sie war wieder schwanger. Die Ärzte meinten zwar, so kurz nach einer Fehlgeburt sei das zwar gefährlich, aber er meinte, das sei Quatsch. Die Ärzte sagten, sie müsse sich schonen. Kein Sonnenstudio, kein Fitnessstudio und vor allem keinen Sex. Aber er meinte, die hätten alle keine Ahnung und so machte sie weiter wie bisher. Ob sie keine Angst habe, das Kind wieder zu verlieren wollte ich wissen. Ach ne, er sagte, das passiert schon nicht.
Im März sah ich sie wieder. Sie erzählte mir von der Schwangerschaft und wie super das alles sei und wie großartig sie sich fühle. Sie sei zwar immer so müde und fertig, aber er sagte, sie müsse sich einfach nur zusammenreißen. Sie würden bald umziehen in ein anderes Land. Dann würden wir uns nicht mehr sehen, aber er sagte, diese Treffen seien eh wertlos, einmal im Monat ist ja totaler Blödsinn und wie man sich denn da Freunde nennen könne? Ich fragte besorgt, wann es denn soweit sei und sie sagte im August.
Im April war ich kurz davor sie einfach mit zu mir zu nehmen. Sie habe das Kind wieder verloren. Er gab ihr die Schuld, sie hätte sich eben mehr schonen und auf die Ärzte hören müssen, schließlich seien sie die Experten gewesen. Pech, wenn sie nicht auf sie gehört hatte. Aber kein Problem, sie machen eben ein neues. Wird schon irgendwann klappen. War ja eh noch nicht wirklich ein Mensch, nicht wahr? Sie zuckte mit den Schultern. Aber sonst sei alles Super. Wie immer.
Nur, dass sie weder super aussah, noch sich so benahm. Ich ging in die Vollen und redete mit ihr. Über meine Ängste, meine Bedenken. Doch sie wiegelte ab. Ich sei nur neidisch auf ihren tollen Mann, so wie alle anderen auch. Damit stand sie auf und ging.
Und kam nie wieder.
Ich sah sie noch einmal, ein halbes Jahr später. Es war ihr Bild in der Zeitung. Die Frau, die sich aus dem Fenster stürzte und umbrachte. Ihr Mann schob es auf die vier Fehlgeburten, die sie nicht verkraftet habe.
Ich weinte um sie. Ich hätte sie gerne an ihrem Grab besucht. Ich wollte ihr sagen, wie leid es mir tat, dass ich nicht für sie da war. Ich dachte, nun sei bestimmt endlich wirklich alles super.

Ich hoffte es jedenfalls, als ich eine Blume vor unserem Café ablegte und leise weinte.

Ich betrat es nie wieder.

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