Das Kind

Ich habe ein Video gesehen von einem Kind. Es muss etwa gleichalt gewesen sein wie meine jüngste Tochter. Es war ein Junge.

Er hatte einen roten Pulli an und eine graue Hose. Vielleicht hatte er auch Schuhe an und Socken, doch die habe ich nicht gesehen.

Der kleine Junge wurde getragen. Auf dem Arm eines Mannes, dabei bewegte sich seine kleine, knubbelige Hand auf und ab. Der Mann legte den Jungen auf ein Tuch. Die Hand bildete eine kleine Faust, leicht geöffnet, so wie die meiner Tochter. Er hatte die Augen zu. Er sah so friedlich aus, so als würde er schlafen.

Und doch hatte er die Hölle hinter sich.

Dieser kleine Junge, nur etwas über ein Jahr alt, war tot. Ertrunken. Seine kleine Faust wird sich nie wieder öffnen. Seine kleinen knubbelarme nie wieder seine Mama umarmen, oder etwas halten. Er wird nie den Stolz kennenlernen, etwas neues zu können.

Er wird nie mit einem Rutschauto fahren, Pommes essen oder mit seinen Freunden fangen spielen und dabei jauchzen vor Freude. Seine Augen werden nie bestaunen können wie eine Ameise ein Stück Kuchen wegträgt.

Das alles ist mit diesem Junge ertrunken. Die Liebe, die Freude, dieses Glück, was ein Kind mit sich bringt liegt tot auf der Decke.

Neben ihm ein anderes Kind. Und noch eines. Ein paar Erwachsene, lose Schwimmwesten und Stille. Eine Stille die so viel lauter schreit als alles, was wir uns vorstellen können.

6 von 100 Flüchtlinge sterben bei dem Versuch über das Mittelmeer zu fliehen. (Quelle )

Jeder einzelne davon ist einer zuviel.

Und während ich meine Tochter betrachte, wie sie da liegt, die Augen friedlich geschlossen, die Hand leicht zur Faust, zieht sich mir alles zusammen. Was wäre, wenn sie nicht schlafen würde?

Sondern an einem Strand liegt. Neben ihrer Schwester. Und beide nie wieder die Augen öffnen.

Und das nur, weil ich wollte, dass sie in Sicherheit sind. Und ohne Angst aufwachsen dürfen. In Frieden.

Dann gibt es noch die Menschen, die finden, dass „denen“ das Recht geschieht. Denn was haben „die“ hier auch zu suchen? Selbst schuld, wenn „die“ so bescheuert sind, „die“ wissen doch, wie gefährlich das ist.

Denen möchte ich eines sagen:

Ich wünsche euch von Herzen die Liebe eines Kindes. Und einmal kurz, nur ganz kurz, die Angst, diese Liebe zu verlieren. Nur ganz kurz sollt ihr den Schmerz spüren, wie es ist, sein Kind tot zu sehen. Nur ganz kurz sollt ihr die nackte Panik spüren, selber Angst um euer Leben zu haben. Nur einen Moment lang. Damit ihr eine Ahnung davon bekommt, was diese Menschen, tagtäglich, durchmachen müssen.

Und dann wünsche ich euch, dass ihr euch von diesem Schock erholt, dass ihr aufsteht und den Menschen helft, die eure Hilfe brauchen.

Mit euren Kindern zusammen, denn andere haben diese Möglichkeit nicht mehr.

Eure

Mel

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