Der Schmerz in mir

Hast Du Angst?

Bestimmt. Jeder hat Angst. Sei es vor Spinnen oder Bienen, vor Kriegen, Unfällen oder dem Tod.

Ich habe zum Beispiel Angst vor dem Autofahren. Und vor einem Krieg.

Von dem Träume ich tatsächlich sogar oft. Aber diese Träume handeln nicht wirklich von einem Krieg bzw einer Bedrohung von Aussen. Sie handeln von einer Bedrohung in meinem Leben.

Der Witz dabei ist, diese Bedrohung gibt es eigentlich nicht mehr. Schon lange nicht mehr. Und doch hat sie tiefgreifende Spuren hinterlassen.

Sie fing in meiner Kindheit an. Ging weiter in der Schule, der Ausbildung, meinem weiteren Leben… Sie bildete zuerst etwas unbegreifbares, schreckliches, so schmerzhaftes, dass ich es wegschließen musste um zu überleben. Ich tat es, baute im Laufe der Zeit eine Mauer darum und vergaß es.

Mein Unterbewusstsein aber nicht. Es schickte mir Träume. Von Kriegen, Tsunamis, Bedrohungen von Poltergeistern, Träume von Dinosauriern, die mich fressen wollten. Ich tat sie ab als Stresssymptome. Es war doch alles prima.

Ich betäubte den Schmerz. Nicht mit Drogen, vor Alkohol hatte (und hab) ich immer zuviel Respekt gehabt (entwickelt man zwangsläufig mit diversen Alkoholikern in der Familie), Drogen waren nicht so meines (mein erster und einziger Joint führte zu einem Ohnmachtsanfall) aber mit Essen. Ich aß Jahrelang nur Junkfood und das mehrmals täglich. Dadurch, dass ich rauchte, nahm ich nicht zu, also war alles schick.

Ich verschlang Bücher um Bücher um nicht nachdenken zu müssen, ich hortete Haustiere um die Liebe zu erhalten, die mir fehlte und irgendwann flüchtete ich in mein Handy und die virtuelle Welt. Mit Chats fing es an (noch am Computer) und heute bin ich bei Twitter, Facebook und Instagram.

Das große und einzige Ziel: nicht fühlen, nicht denken, nicht reden!

Ich wusste, da schlummert was. Etwas, was so groß, so schmerzhaft, so schlimm ist, dass ich daran zerbreche, wenn ich es rauslasse. Also tat ich alles um die Mauer zu verstärken. Ich schirmte ab, wo ich nur konnte. Das funktionierte prima.

Nur leider hat es auch einen Haken: je mehr ich abgeschirmt habe, desto fremder wurde ich mir. Ich übernahm die Dinge, die mir an den Kopf geschmissen wurden und sie hatten Auswirkungen. Immer. Ich nahm sie nur nicht als solche wahr.

Ich bin jemand, für den Sex nicht so wichtig ist. Mit ein Grund für meinen letzten Beitrag. Mir ist Sex echt egal. Ab und zu geht es klar, aber wenn ich nicht muss, ist es auch okay. Ich dachte immer, das liegt an der Vergewaltigung, die ich mitmachen musste. Oder daran, dass ich befummelt wurde. Aber trotz jahrelanger Therapie wurde es nicht besser.

Dann schob ich es auf den Stress.

Irgendwann hielt ich mich einfach für unnormal. Ich dachte, es gibt eben Menschen, bei denen ist das so und vielleicht gehöre ich dazu.

Aber, wenn das so ist, warum habe ich dann Lust?

Und warum finde ich das so furchtbar, Lust zu haben? Warum kann ich es nicht einfach genießen und ausleben, so wie andere? Warum fehlt mir diese Freiheit?

Fragen, auf die ich lange keine Antwort hatte. Bis ich ein Buch las (ich habe hier darüber gesprochen) und der AHA Effekt kam.

Mein Körper und ich, wir leben so nebeneinander her. Ich mag ihn nicht und er mich nicht, wir sind nur eine Zweckgemeinschaft. Er braucht mich um zu leben und ich brauche ihn um, naja, zu leben.

Nur mache ich das eben nicht wirklich.

Ich mag ihn nicht, weil mir mein Leben lang eingeredet und vermittelt und gezeigt wurde, dass er schlecht ist. Zu dick, zu hässlich. In der Schule wurde ich als „Monster“ bezeichnet, als „Pickelface“ als „Fett“ und ich weiss nicht mehr, als was noch. Meine Mutter sagte mir immer, ich sei zu dick. Sie meinte es als Scherz, garnicht böse. Aber es bleibt hängen. Ich fühlte mich bei einer Größe von 172 cm und 59 KG zu fett. (Das ist 20 Jahre und drei Kinder her, jetzt wiege ich 87 KG…)

Sex war was schlechtes. Nicht nur, weil das passiert ist, was mir passiert ist, sondern auch weil ich mich schämte. Für meinen fetten Körper. Für den hässlichen, fetten Körper. Den jemand benutzen konnte, wie er wollte und wann er wollte.

Es war nicht so, dass ich nie Spaß an Sex hatte. Ich fand den eigentlich immer gut. Aber das konnte ich nur zulassen, wenn ich es nicht mehr aushielt vor Lust. Aber das wurde im Laufe der Zeit (und des Alters und der Kinder) immer weniger.

Mittlerweile finde ich es störend. Es nervt mich. Ich will das nicht. Nehmt das weg. Und meine Brüste gleich mit, diese Hängeschläuche mag ich eh nicht. Mochte ich auch noch nie…

Mich beschäftigte es trotzdem. Ich beneidete alle Menschen, denen es anders geht und ging. Das will ich auch. Freie Liebe. Lust ausleben.

Dieser krasse Widerspruch machte mich mehr und mehr fertig, bis ich endlich die Antwort bekam.

Dadurch, dass mein Körper und ich keine Einheit sind, kann das ja garnicht funktionieren. Immer, wenn ich Lust habe, werde ich daran erinnert, einen Körper zu haben. Und gleichzeitig an diese Mauer. Und das, was dahinter liegt. Diese blöde Lust lässt meine sorgsam aufgebauten Strategien platzen, zu verschwinden, nichts zu fühlen, nicht da zu sein.

Sie erinnert mich an diesen Schmerz in mir. Diesen Schmerz, den ich ansatzweise fühle, vor dem ich aber zurückzucke, sobald ich näher hingehe.

Ich war noch nicht bereit dazu, ihn mir anzuschauen. Ich hatte weder den Mut, noch die Kraft, dem standzuhalten. Ich habe ihn verdrängt.

Bis mir eines klar wurde:

Wenn ich leben will, wirklich richtig und endlich leben – und vor allem Lieben will, muss ich diesen Schmerz rausholen. Ich liebe meine Kinder, mehr als alles andere, aber bei Erwachsenen bin ich vorsichtig. Selbst bei meinem Mann. Sobald er mir wehtut, egal warum, wie sehr und wie oft, ist es für mich dramatisch.

Ich stehe wieder an einem Scheideweg. Schaffe ich es, dieses Monster zu befreien? Was wird es mit mir machen? Mit meinem Leben? Werde ich es besiegen können?

Oder lasse ich es eingesperrt, lebe dabei aber nur halb. Als Abbild von dem Menschen, der ich sein könnte.

Ich bin fast 40. Wenn eins so will, ist mein halbes Leben vorbei. Will ich die andere Hälfte auch so verbringen?

Ängstlich, klein, voller Trauer und Schuldgefühle und vor allem – voller Schmerz?

Nein.

Nein, nein, nein.

Also lasse ich ihn frei. Diesen Schmerz. Und hoffe, ich werde ihn überleben.

Namaste.

Eure Mel

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