Die kleine Flamme

Es war einmal, an einem anderen Ort, eine kleine Flamme.

Sie war so groß wie ein Streichholzkopf und leuchtete nur schwach.

Tag für Tag beobachtete sie die anderen Flammen. Sie alle waren groß und hell und strahlten wie die Sonne. Sie dagegen war klein, konnte kaum leuchten und wurde oft übersehen. Sie seufzte traurig.

Eines Tages spürte sie die Präsenz von der einen Flamme, aus der alle anderen Flammen kamen. Sie spürte die Liebe und Wärme und schmiegte sich behaglich an. „Warum bist du so traurig?“ wurde die kleine Flamme gefragt.

„Ich wünschte, ich könnte auch so groß sein und so hell leuchten wie alle anderen.“ antwortete sie traurig mit ihrer Piepsstimme. Die kleine Flamme spürte einen tröstende Wärme aufsteigen, doch sie war noch immer traurig. „Ich kann dir helfen.“ sagte die eine Flamme. „Komm mit.“

Sie schwebten gemeinsam im Raum umher. Während sie ihn durchquerten, sprach die eine Flamme: „Jede Flamme die du siehst, war auch einmal so wie du. Irgendwann wollten sie sich verändern, größer werden, schöner, heller. So wie du. Also half ich ihnen, so wie ich es bei dir tun werde. Diese Flammen konnten nur deshalb so werden, wie sie nun sind, weil sie Erfahrungen gesammelt haben.“

Die kleine Flamme dachte nach. Sie konnte nicht glauben, dass die anderen auch mal so klein waren. „Ich will auch Erfahrungen sammeln!“ stellte sie fest. Sie spürte, wie die eine Flamme nickte. Sie blieben stehen. Vor sich sah die kleine Flamme ein großes Tor. Es gingen Flammen hinein, immer begleitet von hellen Lichtpunkten. Und es kamen Flammen dort heraus. Sie waren dunkel, manche mehr, manche weniger. Für jede Flamme, die herauskam, standen Lichtpunkte bereit, die sie in Empfang nahmen. „Was ist das?“ wollte die kleine Flamme wissen.

„Das ist das Tor zur Welt. Wenn Du dort hindurch gehst, kommst du auf der Erde heraus. Als Mensch. Und dann kannst du Erfahrungen sammeln.“

Die kleine Flamme wollte schon losstürmen, doch sie wurde von der einen Flamme zurück gehalten. „Liebes, du musst dich vorbereiten. Zuerst musst du wissen, was dich erwartet.“ setzte die eine Flamme an, „Wenn du als Mensch geboren werden willst, musst du dir aussuchen, was du erleben willst. Welche Erfahrungen willst du sammeln?“ „Alle!!“ sagte die kleine Flamme ungeduldig. Hauptsache sie wäre endlich so groß und schön wie die anderen. Sie spürte, wie die eine Flamme lächelte. „Alle wäre etwas viel. Du musst diesen Weg öfter gehen um alle Erfahrungen zu sammeln. Sehr oft. Siehst du die Lichtpunkte?“

Die kleine Flamme nickte. „Das waren auch einmal Flammen. Sie haben so angefangen wie du. Jetzt helfen sie anderen Flammen zu wachsen. Sie gehen mit in die Welt und helfen. Sie haben schon viele Leben gelebt. Aber selbst sie haben noch nicht alle Erfahrungen gemacht. Du brauchst also Geduld mein liebes Kind.“ Die kleine Flamme seufzte. Das dauerte ja ewig.

Dann sah sie etwas ungewöhnliches im Tor. Ein Schatten, dunkel, klein und krumm, kam das Tor hinein. Sofort wurde dieser Schatten von mehreren Lichtpunkten umringt und sie trugen ihn fort. „Was war das?“ fragte sie. „Das war eine Flamme, die zuviel auf einmal wollte.“ sagte die eine Flamme traurig. Es schien fast, als würde sie in sich zusammen sacken. „Weisst du, manchmal sind die Flammen sehr ungeduldig. Sie wollen dann sehr viele Erfahrungen machen und schnell lernen. Also suchen sie sich ganz viele schlechte Erfahrungen aus. Denn an den schmerzhaften Erfahrungen wachsen sie schneller, denken sie. Und manchmal wird es zuviel. Dann kommen sie vor ihrer Zeit zurück.“ die kleine Flamme schluckte. „Was passiert mit ihnen?“ wollte sie wissen. „Sie werden aufgefangen, getröstet und, sowie es geht, geheilt. Sie brauchen länger als andere um zu verstehen, dass sie hier in Sicherheit sind. Aber sie sind nie alleine und werden immer umsorgt.“ Die eine Flamme wirkte nachdenklich. „Jeder von euch darf selber entscheiden, was sie für Erfahrungen machen will. Und wie viele. Und wenn es zuviel wird, sind wir da.“

Zwischen beiden wurde es still. Sie beobachteten die Flammen, die zurückkamen. „Warum gehen die Lichtpunkte mit?“ wurde die kleine Flamme neugierig. „Sie helfen. Sie sind Spiegel. Jeder Mensch hat Spiegel. In Form von anderen Menschen. Diese Spiegel zeigen das Beste in jedem auf und sie holen das Schlechteste hervor. Wenn sich ein Mensch darauf einlassen kann und es versteht, dann kann er enorm daran wachsen. Und wenn nicht, dann wird er sich immer ärgern. Über die anderen. Sein Leben, welches ihm nicht gefällt. Die Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren und so weiter.“

Die kleine Flamme dachte darüber nach. Dann redete die eine Flamme weiter. „Wenn du als Mensch geboren wirst, dann wirst du immer Hilfe haben. Alle anderen Menschen um dich herum helfen dir. Aber es wird oft nicht als Hilfe gesehen. Du darfst auch Erfahrungen machen, die ganz furchtbar sind. Und es gibt Menschen, die dir helfen, diese zu machen. Sie werden dir wehtun. Sie werden dir unvorstellbare Schmerzen zufügen und du wirst unter ihnen leiden. Glaube mir mein liebes Kind, ich bin immer an deiner Seite. Aber du wirst es oft nicht spüren. Du wirst denken, du bist ganz alleine. Aber wir lieben dich und die Menschen, die dir am meisten wehtun, lieben dich auch. Die sogar mehr als du denkst, denn sie riskieren etwas. Jede Flamme, die sich bereit erklärt um dir zu helfen, braucht deine Vergebung. Sie würde sonst kleiner werden, dunkler und würde sehr lange brauchen um wieder Erfahrungen sammeln zu können.“ Die eine Flamme schwieg. Es schien, als hinge sie den Flammen nach, denen dies passiert war.

„Aber das ist doch kein Problem, ich weiss ja, dass sie mir nur helfen wollen!“ versuchte die kleine Flamme zu trösten.

„Nunja. Du wirst dies alles hier vergessen haben, sobald du Mensch bist. Du wirst mich vergessen haben, die Abmachungen, diesen Ort. Du wirst vergessen haben, dass du Licht bist. Du weisst nicht mehr, dass du aus Licht und Liebe bestehst, dass du daher kommst und wieder dahin zurück kehrst. Dein Licht ist zwar immer in dir, aber das wirst du nicht spüren.“

„Aber warum?“ fragte die kleine Flamme entsetzt. Sie konnte sich nicht vorstellen dies alles jemals zu vergessen.

„Wenn du vorher wüsstest, was du für Erfahrungen sammeln willst, dann wären sie nicht echt. Verstehst du? Du wüsstest ja bereits alles.“

Das verstand die kleine Flamme. „Deshalb ist es auch so schwer, den anderen Menschen, die mir wehtun, zu vergeben. Weil ich nicht mehr weiss, wieso sie es tun.“ Die kleine Flamme spürte, dass die eine Flamme lächelte.

„Es ist Zeit.“ sprach die eine Flamme. Ein paar Lichtpunkte kamen zu ihnen. „Ich bin deine Mutter in der Welt der Menschen,“ sprach der erste Punkt, „Ich werde Dich lieben und beschützen, doch ich schenke dir die Erfahrung des Verlustes und werde Dich früh verlassen. Wenn du einverstanden bist.“ Die kleine Flamme nickte.

Dann sprach der zweite Punkt. „Ich werde dein Vater sein. Ich werde dir die Erfahrung schenken wie es ist, bedingungslos geliebt zu werden, wenn du einverstanden bist.“ Wieder nickte die kleine Flamme.

Die dritte Flamme sprach. „Ich werde dein Kind sein und dir die Erfahrung der Angst schenken. Ich werde von dir getrennt werden und du wirst lange nicht wissen, wie es mir geht. Wenn Du damit einverstanden bist.“ Die kleine Flamme überlegte ein wenig. Dann nickte sie.

Die eine Flamme sprach: „Für das erste Mal sind es genug Erfahrungen. Du wirst ein ruhiges und schönes Leben haben. Wenn Du gestärkt daraus hervor gehst, dann kannst du dir mehr Erfahrungen aussuchen, an denen du wachsen kannst. Bist du einverstanden?“ wurde die kleine Flamme wieder gefragt. Und obwohl sie eigentlich viel lieber mehr Erfahrungen und schlimmere Erfahrungen sammeln wollte, damit sie schneller groß würde, stimmte sie zu. Sie hatte noch deutlich die andere Flamme vor Augen, die fast erloschen war.

Sie ging auf das Tor zu. Begleitet von den drei Lichtpunkten, die ihr helfen wollten. Sie wusste, es gab noch viele, viele andere Helfer dort, wo sie hinkam. Sie drehte sich noch einmal um. Sie konnte nicht glauben, dass sie all dies vergessen sollte.

Dann ging sie durch das Tor. Und begann ihr erstes Leben.

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