Hexenjagd

Sie steht auf dem Scheiterhaufen und hört mit halben Ohr dem Richter zu, der ihre angeblichen Verbrechen vorliest. Sie hat Angst. Auch wenn sie die Gnade bekommt, erschossen zu werden, bevor sie alles anzünden, schürt ihr die Panik die Kehle zu. Wäre ja witzig, wenn sie noch einen Herzinfarkt bekommt, bevor diese Meute ihren Spaß hatte. DAS wäre doch mal was.

Ihre Gedanken schweifen ab. Noch immer kann sie nicht verstehen, wie es soweit kommen konnte. Wie sie soweit kommen konnte. Im Mob stehen ihre Freunde. Sie fordern lautstark ihren Tod. Ihr Mann ist nicht zu sehen, er ist mit den Kindern weggefahren, sie weiss nicht, wohin. Sie weiss nur, dass er fort ist. Für immer. Raus aus dieser Stadt, wahrscheinlich sogar diesem Land. Raus. Weg. In die Sicherheit.

Sie lächelt höhnisch.

Sicherheit. Genau das, was sie wollte. Weswegen sie die erste in dieser Stadt war, die überhaupt damit angefangen hat, sie beschützen zu wollen.

Eine Freundin, die in einer größeren Stadt wohnte, erzählte ihr von Hexen. Sie erinnert sich an dieses Gespräch. Hexen, sagte sie und konnte es nicht glauben. Die gab es doch nicht. Das waren Märchen, Aberglaube aus längst vergessenen Zeiten. Ob das ein Witz sei? Die Freundin verneinte. Das sei ganz real. Die waren gefährlich.

Sie schleichen sich in die Dörfer und Städte. Sie geben an, in Gefahr zu sein und Angst zu haben. Das sei alles nur gelogen. Wenn sie in der Stadt sind, dann klauen sie. Sie plündern die Staatskassen, verführen die Ehemänner und töten die anderen Frauen. Sie glaubte ihrer Freundin diese Geschichten nicht. So ein Quatsch. Wenn eine Frau Hilfe braucht, dann soll sie diese auch bekommen. Punkt. Hexen…

Quatsch.

Doch ihre Freundin ließ nicht locker. Immer mehr würden es werden. Auch Männer sind jetzt dabei. Sie tun erst so, als seien sie ganz Arm dran, in Wahrheit wollen sie aber die Städte ausrauben, doch doch. Ganz sicher.

Langsam bekam sie Angst. Woran sie zu erkennen seien, wollte sie wissen.

Die reden komisch. Die sehen irgendwie anders aus. Dunkler. Die tragen seltsame Kleidung. Die sind halt anders. Irgendwie.

Im Laufe der nächsten Tage hielt sie Ausschau. Nach Menschen, die irgendwie anders waren. Und da sah sie sie auch. Plötzlich waren sie überall. Da, ihre neue Nachbarin, die wohnte erst seit kurzem hier. Hatte die nicht erzählt, sie sei vor ihrem Mann geflohen? Und die hatte so einen seltsamen Akzent… Und schaute sie nicht immer ihren eigenen Mann so lüstern an?

Und der Postbote, der war doch auch neu. Der war dunkler als andere. Schwarze Haare.

Überall waren sie plötzlich, diese anderen.

Sie redete mit ihren Freundinnen darüber. Sie lachten erst, das sei doch Quatsch. Aber nach und nach wurden auch sie misstrauisch. Und sie fingen an, die Anderen zu sehen.

Sie bekamen Angst.

Dann redeten sie mit dem Bürgermeister darüber. Sie organisierten Kundgebungen, damit alle gewarnt sind, vor diesen Hexen. Vor den Anderen. Sie wurden immer mehr und gründeten eine Partei. Sie nannten sich GAFDL, Gegen Andere für das Land. Bald waren sie im ganzen Land bekannt und bekamen immer mehr Mitstreiter. Überall ging nun die Angst um vor den Hexen. Vor diesen Anderen. Und sie waren wirklich überall. Geschichten gingen um, wurden schlimmer und größer. Sie klauten. Sie töteten. Sie wollten das Land übernehmen. Alle versklaven. Niemand war sicher.

Dann fingen die Proteste an. Und die Jagd begann.

Jeder, der anders war, wurde gejagt und gefangen. Jeder, der gefangen wurde, wurde gefoltert. Egal ob Mann, Frau oder bald auch Kinder. Sie wurden zusammengepfercht in extra abgeriegelte Bereiche. Und irgendwann wurden sie getötet. Alles, damit dieses Land wieder sicher wird. Vor den Anderen.

Dabei wusste irgendwann niemand mehr, wie das alles anfing. Und warum. Und nun brannte das ganze Land vor tausenden Scheiterhaufen.

Freunde wurden zu Feinden, wenn einer einen Konkurrenten loswerden wollte, musste er nur flüstern, sein Konkurrent sei ein Anderer. Sieht doch jeder am Gang. Und diese Haare. Dunkel. Der plant doch was.

Und so traf es auch sie. Irgendjemand wollte sie loswerden. Wahrscheinlich ihre ehemalige Freundin, die ihren Platz haben wollte. Als Parteivorsitzende. Und schon hieß es, sie habe ja auch dunkle Haare. Und wohnt noch nicht so lange im Ort. Und sie redete so komisch.

Alles, was sie dagegen hielt, wurde ignoriert. Ihr wurde der Prozess gemacht. Und nun würde sie sterben.

Sie erkannte, wie falsch das alles war. Es gab keine Hexen. Keine Anderen. Es waren ganz normale Menschen. Menschen, die tatsächlich Hilfe gebraucht hätten, aber nur Hass, Zerstörung und Tod vorfanden.

Jeder war ein Anderer, weil alle Menschen gleich waren. Es war umsonst, schlimmer noch, sie hatten genau die Verbrechen begangen, gegen die sie sich schützen wollten. Sie waren die wahren Verbrecher.

Mit diesem Gedanken nahm sie die Stille um sich herum wahr. Ob sie noch ein paar letzte Worte sagen wolle, fragte der Richter. Sie nickte.

„Wir haben einen Fehler gemacht. Wir haben uns getrennt und aus dem wir, ein „die anderen“ und ein „wir“ gemacht. Es gibt keine Anderen. Es gibt nur ein wir. Weil wir alle Menschen sind. Wir sind alle gleich. Durch diese Trennung haben wir unendliches Leid über uns, unsere Kinder und unsere Familien gebracht. Wir haben gemordet. Zerstört. Wir haben die schlimmsten Verbrechen begangen. Weil wir dumm und unwissend genug waren, an unserem gesunden Menschenverstand zu zweifeln. Wir sind alle eins. Nicht mehr und nicht weniger.“

Die Menschen um sie herum waren still und lauschten.

Sie lauschten noch immer, als der Pistolenschuss längst verhallt war. Als nur noch Asche übrig blieb. Sie lauschten auf ihren Menschenverstand, der ihnen sagte, wie wahr diese Worte waren. Und wie unmenschlich sie gehandelt hatten. In dieser Stille hörten sie endlich die Schreie der Menschen, die sie gejagt hatten. Sie hörten das Weinen der Kinder, die Verzweiflung der Mütter. Sie hörten die Qualen, das Leid, die Gebete und das betteln um Gnade. Sie hörten ihr Gewissen, welches nicht mehr von einer irrationalen Angst übertönt wurde.

Sie waren die Gefahr, vor denen sie Angst hatten und das hat ihren Untergang herbeigeführt.

Die Stille die auf das Lauschen folgte, wurde nur noch übertroffen von dem Gefühl der Scham, der Trauer und dem Wunsch, diese dunkle Zeit rückgängig machen zu können. Da das nicht ging schworen sich die Menschen, so etwas nie wieder zuzulassen. Die Menschen, die dies überlebten waren nie wieder die Selben. Sie lebten wie normale Menschen, doch innerlich waren sie zerbrochen. Und die Menschen, die ihnen dies antaten lebten fortan mit dem Wissen, getötet zu haben. Sie wurden von den Geistern der Ermordeten heimgesucht, jede Nacht. Viele nahmen sich das Leben. Und jeden Tag leisteten sie den Schwur erneut. Für sich im Stillen, laut auf der Strasse, in den Schulen. So eine Zeit darf es nie wieder geben.

Nie wieder.

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