Der Ehering

Nach unserem letzten Streit nahm ich schweren Herzens meinen Ehering ab.

Als mein Mann dies bemerkte wollte er verwundert wissen, warum ich das getan hatte.

Ich sagte, dass mir der Ring wehgetan habe.

Er lachte und meinte höhnisch, das könne nicht sein, schließlich war gestern alles noch okay.

Ich sah ihm in die Augen und erwiderte:

„Der Ring verursacht auf meinem Finger keine Schmerzen. Er schmerzt woanders.

Immer wenn ich ihn ansehe, dann sehe ich die Träume die wir hatten. Ich sehe mich, wie ich vertrauensvoll diese Ehe einging und dachte, dass alles gut werden würde. Ich sehe diesen Ring an und es tut mir weh, dass alles so anders gekommen ist.

Ich weiss, wir hatten es nie leicht. Von Anfang an stand unsere Beziehung unter keinem guten Stern. Zu Unterschiedlich waren wir, zu anders unsere Welten.

Und doch haben wir es geschafft. Wir haben uns geliebt und das hat uns getragen und immer wieder aufgeholfen. Wir wussten, auf diese Liebe konnten wir uns verlassen, egal was kommt.

Aber jetzt scheint diese Liebe fort zu sein. Bei Dir und bei mir.

Ich merke es an deinen Blicken. Sie schauen nicht mehr liebevoll oder geduldig. Sie schauen wütend, resigniert, herablassend.

Ich merke es daran, dass du oft vergisst, mir die Tür aufzuhalten, wenn ich hinter dir hergehe. Oder meine Sachen vergisst, wenn du den Tisch deckst.

Ich merke es an deiner Wut, wenn wir uns streiten. Sie ist so groß und so tief, dass ich glaube, du hasst mich.

Ich merke es daran, dass du mich nicht mehr umarmst oder küsst.

Du sagst, es ist anders, aber deine Augen zeigen die Wahrheit.

Wenn ich diesen Ring ansehe, dann denke ich immer an das erste Bild von dir, was ich gesehen habe. Obwohl ich nach meiner ersten Ehe nie wieder einen Mann zu nahe an mich ranlassen wollte, habe ich mich direkt in dich verliebt.

Ich habe deine Augen gesehen und mich darin verloren. Du warst all das, was ich mir schon immer gewünscht habe. Und ich begann zu hoffen, dass ich das Glück hätte, meinen Traummann gefunden zu haben.

Alle stellten sich gegen uns, von Anfang an. Du warst nicht gut genug, zu anders, du hast mich verändert.

Ja, das hast du. Du hast mich gerettet. Dafür werde ich dir solange ich lebe dankbar sein.

Und jetzt?

Jetzt sehe ich diesen Ring und deine Augen an, aber was ich wirklich sehe, sind zerstörte träume.

Zuviel Bitterkeit, zuviel was gegen uns stand und zwischen uns steht. Zuviel Streitigkeiten, zuviel wache Nächte, zuviel vertrauen, was weg ist. Auf beiden Seiten.

Dieser Ring schmerzt nicht an meinem Finger, aber er schnürt mein Herz vor Kummer ein.

Vor Kummer für das, was hätte sein können. Wenn wir stärker wären. Wenn wir uns mehr geliebt hätten. Wer weiss.“

Mein Mann sah mich mit Tränen in seinen blauen Augen an. Er schluckte und ging fort, ohne ein Wort zu sagen.

Traurig und verzweifelt blieb ich zurück. Ich ging ins Schlafzimmer und packte meine Tasche.

Als ich rausging sah ich eine kleine Kerze auf dem Boden.

Kurz darauf noch eine.

Und noch eine.

Und noch eine.

Sie führten zu einem großen Herz aus Kerzen. In diesem Herz stand mein Mann. Er kniete sich hin, nahm meine Hand und sagte: „Ich liebe Dich. Mehr als alles andere in meinem Leben. Nichts könnte stärker sein als diese Liebe.“

Er gab mir meinen Ring in die Hand und schloss die Finger darum.

„Ich habe dir versprochen, dich zu lieben und zu ehren, in guten wie in schlechten Zeiten. Ich habe dieses Versprechen vergessen. Ich habe es gebrochen. Ich verstehe deinen Schmerz. Ich will versuchen es wieder gut zu machen. Jeden Tag, für den Rest meines Lebens werde ich mein Versprechen halten, dich lieben und ehren und vielleicht kannst du irgendwann diesen Ring wieder tragen. Dieses Ziel zu erreichen wird von nun an mein Lebensziel sein, weil du es verdient hast, geliebt zu werden.“

Diesmal musste ich schlucken. Ich sah wieder die Liebe in seinen Augen, die ich so vermisst hatte. Und ich wusste, er würde diesmal sein Versprechen halten. Und wir würden es schaffen.

Gemeinsam.

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