10 Jahre

Heute. Heute vor 10 Jahren lag ich auf der Intensivstation eines Krankenhauses mitten im Ruhrgebiet. Allerdings wusste ich das nicht, denn ich war nicht wirklich da.

Aber fangen wir von vorne an.

Ich war Schwanger. Mein erstes Kind, ein Junge. Obwohl er nicht geplant war, war er erwünscht und ich freute mich sehr auf ihn. Mit meiner Hebamme besprach ich Dinge wie Tragetücher, Stillen nach Bedarf und vor allem Liebe, Liebe, Liebe. Ich wollte ein Jahr Pause machen mit meinem Studium und mich nur um ihn kümmern.

Die Schwangerschaft verlief super, alles war bestens. Der Termin war am 01.11, ich fand ihn großartig, so konnte er immer in seinen Geburtstag reinfeiern, dachte ich.

Mitte September veränderte sich aber etwas.

Ich nahm zu. Plötzlich. Viel. Jede Woche so 3-4 KG. Ich hatte Eiweiß im Urin. Und mein Blutdruck war grenzwertig.

Aber ich hatte ja keine Ahnung und mein Frauenarzt fand das alles im Rahmen. Alles gut. Kein Problem.

Meine Mutter aber, gelernte Krankenschwester und Stationsleitung einer Dialyse, bekam Panik. Meine Nieren, soviel Eiweiss, irgendwas stimmt nicht.

Im Oktober, ich wog mittlerweile fast 100 KG, von Anfangs 72 und bis September 75 KG, gab sie mir ein Blutdruckmessgerät. Und rettete mir damit wahrscheinlich das Leben.

Ich sollte messen, dreimal täglich. Und jedesmal wurde der Blutdruck höher. Ich bekam Angst. Er war zu hoch. Ich rief meine Hebamme an und sie sagte, ich muss ins Krankenhaus.

Das war am 16.10.2008, ein Donnerstag.

Im Krankenhaus passierte erstmal – nichts.

Es gab ein paar Untersuchungen, aber niemand tat was.

Ich bekam ein Langzeitblutdruckmessgerät am Freitag. Und Tabletten, wenn er wieder zu hoch war. Oder ich Kopfweh hatte.

Es kam das Wochenende.

Es kam der Montag. Noch immer tat niemand was. Meine Mutter bekam mehr und mehr Angst, ich war die Ruhe selbst. Ich dachte, die wissen schon, was sie tun.

Am Dienstag bekam ich ein Gel, damit die Wehen losgehen könnten. Es passierte, genau – nichts.

Mittwoch morgen platzte meine Fruchtblase. So gegen 5:30 ungefähr. Die Schwester meinte, nun müssten sie das Kind holen.

Taten sie auch. Drei Stunden später.

Ich hatte Angst. Mein damaliger Mann kam mit in den OP und das fand ich wahnsinnig beruhigend. Aber trotzdem hatte ich Angst. Ein Kaiserschnitt, herrje. Aber ich hatte keine Wehen. Sie sagten, meine Beine würden warm werden und daran erkenne ich, dass die PDA wirkt.

Sie wurden nicht warm. Ich bekam Panik. Der Arzt schnitt, ich spürte nichts, aber die Panik war da.

Und Kopfschmerzen. Ich dachte, mein Kopf platzt gleich. Immer und immer wieder sagte ich, wie sehr mir mein Kopf schmerzte. Die Hebamme wies die Ärzte zur Eile an. Dann hörte ich einen Schrei. Ich sah ein kleines, blaues, schreiendes Bündel.

Mein Baby.

Ich bekam eine Maske aufgesetzt und alles wurde schwarz.

Das Nächste, an das ich mich erinnere, ist ein Putzraum. Ich wurde wach und wunderte mich schwach, warum ich nicht auf meinem Zimmer lag. Ich lag alleine in einem kleinen Raum, der mich tatsächlich an einen Putzraum erinnerte. Und ich hatte Kopfschmerzen.

Eine Schwester kam rein. Ich sollte aufstehen, ob das ginge. Ich versuchte es, die Narbe schmerzte, aber der Kopf war schlimmer. Ich sah mich im Spiegel.

Das war ich nicht.

Aufgedunsen, knallrot, die Haare standen in alle Richtungen. Ich sah furchtbar aus.

Wo war mein Kind? Wo war ich?

Meine Eltern kamen. Sie umarmten mich. Ganz fest. Ganz doll. Das war untypisch. Mein Vater hatte Tränen in den Augen. Er schenkte mir eine kleine Figur, eine Hand, die ein Kind hielt. Das Kind schmiegte sich in diese Hand ein. Er sagte, sie würde auf mich aufpassen und ein Kind sollte nie vor den Eltern gehen.

Wtf???

Ich verstand das alles nicht. Sowieso, ich war irgendwie matsche. Es fiel mir schwer zu sprechen, zu denken. Alles war wie in dicker Watte.

Dann kam die Visite. Und endlich wurde ich aufgeklärt.

Ich hatte im Aufwachraum zwei epileptische Anfälle. Und mehrere kleine Hirninfarkte. Fast wäre ich gestorben. Das nannte man Präeklampsie.

Im Grunde genommen war es eine unbehandelte Gestose, also eine Schwangerschaftsvergiftung. Die Symptome, große Wassereinlagerungen, Eiweiß im Urin, hoher Blutdruck, eine Gestose wie aus dem Lehrbuch.

Und niemand hatte sie erkannt, geschweige denn gehandelt. Es hat fast mein Leben gekostet und das meines Sohnes.

Während des Langzeitblutdruckmessens kam heraus, dass ich Spitzenwerte von 180/220 hatte. Während ich schlief!

Einen Tag länger und ich wäre gestorben. Wenn meine Blase nicht geplatzt wäre, hätte wohl noch immer niemand gehandelt.

Ich war also zur Beobachtung auf der Intensivstation. Es wurden zwei MRTS gemacht, das letztere wies bereits eine Besserung auf. Mein Kind, weit weg. Ich habe ihn nur einmal für ein paar Minuten sehen dürfen.

Dann wurde ich in ein anderes Krankenhaus verlegt, weil sie dort keine Neurologie hatten. Mein Mann und mein Sohn sollten mit und wir alle sollten ein Familienzimmer bekommen. Das sei so abgesprochen gewesen.

Als ich dort ankam wusste allerdings niemand was davon. Sie versuchten dort trotzdem ihr bestes und wir bekamen ein Zimmer zusammen. Ich war noch immer matt und matschig.

Um halb Neun wurde ich aus dem Zimmer geholt. Für weitere Untersuchungen. Ich lag danach zwei Stunden in einem dunklen Raum. Während Ärzte sich besprachen. Über mich. Meinen Fall. Der so selten war.

In dem Raum gab es medizinische Plakate. Und ich konnte sie nicht lesen. Die Buchstaben sprangen vor meinen Augen herum, sie drehten sich und tanzten. Aber sie blieben nie still. Und selbst wenn ich es einmal schaffte ein Wort zu lesen, vergaß ich es sofort wieder. Ich bekam Angst. Was war mit meinem Studium? Ich las so gerne, konnte ich das je wieder?

Endlich kam ein Arzt. Meine Schilddrüse wurde untersucht. Ich musste eine Einwilligung, die ich kaum verstand oder lesen konnte, unterschreiben. Für eine Lumbalpunktion. Um auszuschließen, dass ich eine Hirnhautentzündung habe. Wieder warten.

So lange, dass die Betäubung fast weg war. Die Ärztin verstach sich. Wieder und wieder.

Und ich wollte nur zu meinem Mann und meinem Kind. Doch ich sollte die Nacht wieder auf der Intensivstation verbringen.

Am nächsten Tag durfte ich zurück auf die Station. Ich konnte langsam wieder etwas klarer denken. Mein Mann war alleine. Die Kinderkrankenschwestern hatten unser Baby geholt, zu groß das Risiko einer Ansteckung, schließlich lag ich nicht auf der Geburtstation. Mein Mann beschloss mit dem Kind nach Hause zu gehen.

Und so blieb ich alleine zurück.

Es folgten noch mehr Untersuchungen, alle Ergebnislos. Die Ärzte hatten einfach Scheisse gebaut. Riesengroße.

Genau zwei Wochen nachdem ich ins Krankenhaus kam, kam ich aus einem anderen wieder raus.

Mit einer Kaiserschnittnarbe, einer Leber- und Nierenentzündung, die noch bis Januar dauern sollten, noch immer hohen Blutdruck und ein Baby, das ich eine Woche lang kaum gesehen hatte.

Ich schreibe es jetzt so ausführlich, weil ich hoffe, dass andere es lesen und vielleicht ein größeres Auge auf diese Symptome haben. Ich habe den Ärzten geglaubt und diese Krankheit runtergespielt.

Es hätte mich fast mein Leben gekostet.

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