Das Geschirr

Sie nahm die Tasse in die Hand. Sie schaute nachdenklich auf das alte Stück. Sie war über 40 Jahre alt. Sie lächelte. Sie hatten dieses Service gekauft, als sie in ihre erste eigene Wohnung zogen. Voller Hoffnungen, das ganze Leben vor sich. Und jung. So unglaublich jung.

Sie sah die Jahre an sich vorbeiziehen. Das erste Kind. Das zweite. Das dritte Kind. Diese sehr harten Zeiten, in der sie alleine waren. Sie war für die Kinder zuständig, für das Haus. Später für ihre Eltern und für seine. Er hatte studiert, machte Karriere. Er war oft weg und wenn er Zuhause war, arbeitete er lange. Sie fragte sich, ob ihm überhaupt bewusst war, was er alles verpasst hatte.

Wie oft hatte sie dieses Service in der Hand und wollte es wegschmeissen. Aber sie brachte es nicht übers Herz. Sie achtete darauf, hütete es, pflegte es. Und es war da, kalt, starr, lieblos. Sie wollte es loswerden, doch traute sich nicht. Es war doch wichtig. Wichtig, für die anderen. Die Familie. Die Geschichten.

Und selbst jetzt, wo es doch egal wäre, wo niemand mehr lebt, der sich darum scheren würde, ob sie dieses Geschirr behält oder nicht, selbst da konnte sie es nicht. Sie kannte doch kein anderes. Sie war zu alt für was anderes. Zu alt für neues.

Die Kinder waren aus dem Haus, die Eltern alle tot, der Mann in Rente. Alles bewegte sich weiter, alles hatte sich verändert. Nur für sie nicht.

Sie war weiter für alles Zuständig. Die Kinder. Den Haushalt. Das Essen. Dieses immer gleiche Rad.

Und für dieses alte Geschirr, dessen Anblick sie teilweise kaum noch ertragen konnte.

Vorsichtig stellte sie die Tasse in den Schrank. Es klapperte leise. Sie seufzte. Nein, sie war zu alt für etwas neues.

Sie machte die Schranktür zu und ging ins Wohnzimmer. Zu einem anderen Relikt ihrer Jugend, welches den gleichen Stellenwert hatte. Sie legte ihre Hand auf seine, sah die braunen Altersflecken und ging weiter. Vielleicht im nächsten Leben.

Ein anderes Geschirr.

Vielleicht.

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