Müde, müder, Mama

Ich stoße seit einiger Zeit immer wieder auf Artikel, Facebook und Twitter Einträge die denselben Inhalt haben:

Mütter, die schlicht am Ende sind.

Und ja, auch ich gehöre dazu. Aber wie kommt das?

Wir (= die Gesellschaft) haben mehr Geld als je zuvor, eine nie dagewesene Gesundheitsvorsorge und Fürsorge, wir leben in einer Friedensperiode, haben mehr Essen als wir essen können und leben allgemein im Wohlstand, auch wenn es sich für viele anders anfühlen mag.

Und trotzdem sind wir so krank wie nie. Krank an der Psyche, der Seele. Das passt doch nicht zusammen…

Aber irgendwie doch. Denn wir sind Einsam. Es fehlt das Dorf.

Es fehlen Menschen in der Nähe, mit denen wir unser Leben teilen. So wirklich richtig teilen. Mit Kinder mal abnehmen, oder zusammen einkaufen gehen, oder einfach quatschen. Wir sind alleine. Auch wenn wir in den sozialen Medien mehrere tausend Kontakte haben, sitzen wir doch alleine da.

Und halten das alles alleine aus. Die schlechten Nächte, die Wutanfälle, die Traurigkeit. Wir halten den Schmerz unserer Kinder aus, sind Ventil für ihre Wut, kriegen alles ab. Alleine.

Gleichzeitig machen wir nebenbei den Haushalt, gehen noch arbeiten, kümmern uns um Kindergarten/Schulfeste, machen einfach alles, alles, alles um unsere Kinder zu glücklichen, selbstbewussten und liebevollen Menschen zu machen.

Wir lesen tausende Ratgeber, opfern uns bis zum gehtnichtmehr auf, hören uns noch blöde Sprüche darüber an und machen weiter.

Wir kämpfen, jeden Tag.

Wir kämpfen für unsere Kinder, gegen die Hasstiraden von Aussen, gegen alte Konventionen, gegen Gewalt. Wir kämpfen gegen unsere eigene Erziehung, gegen unsere Eltern, die noch der schwarzen Pädagogik anhängen, gegen die Schwiegereltern, für die wir eh alles falsch machen, gegen den Ehemann, der findet, wir verziehen die Kinder, gegen die Erzieher im Kindergarten, die uns Helikoptern unterstellen, sobald wir die Kinder liebevoll begleiten, gegen die Presse, die uns auslacht als Weicheier oder Helikopter Eltern, die ihre Kinder zu Tyrannen erziehen und überhaupt, die Presse und die Medien.

Dieselbe, die (gerade) uns Müttern das Bild vermittelt, wie wir zu sein haben.

– Immer Adrett, geduldig, aber nicht zu sehr, sonst tanzen uns die Kinder auf der Nase rum.

– Liebevoll, aber in Maßen, sonst nutzen die Blagen das noch aus.

– Bedürfnisorientiert, aber nicht zu sehr, das ist dann schon erdrückend.

– Selbstbestimmt, aber nicht so, dass der Mann sich nicht mehr als Mann fühlt (wtf),

– Feminin, aber nicht zu viel, sonst sehen wir aus wie Huren,

– Rank und Schlank und Gesund, sonst sehen wir zu ungepflegt und nachlässig aus

– Emanzipiert, aber nur ein wenig, sonst enden wir wie Alice Schwarzer,

– Autonom, aber nur so, dass die Familie nicht drunter leidet.

– Nicht abhängig vom Mann, aber auch nicht mehr verdienend als er.

Alleinerziehend? Das gibt es nicht, ist verpönt. Sind wir es doch, sind wir selber schuld. Wir konnten den Mann nicht halten, weil wir, ja keine Ahnung. Nicht Frau genug waren?

Wir sollten uns mit einem Lächeln dem Haushalt widmen, natürlich auch dann, wenn die Kinder die frisch geputzten Fenster wieder mit Farbe versaut haben. Was soll’s wir haben ja den neuen Dampfreiniger xy.

Auch der Boden wird bitte mit einem Lächeln geputzt, auch dann noch, wenn Hund und Kinder mit schlammigen Schuhen Durchrennen. Kein Ding.

Wir kochen fröhlich mit dem neuen Thermomix das gesunde, vitaminreiche, mikroorganisch und biologische Essen, welches unsere Kinder sehr gerne und ohne zu jammern essen.

Danach räumen wir die Bosch Spülmaschine mit den tollen Tabs ein, die uns die Arbeit so toll erleichtern, während der Mann sich vor den Fernseher parkt und die Kinder mit. Wir geben ihnen Bier und Cola und in der Zeit, in der sie chillen, räumen wir schnell auf. Oder gehen eben duschen, damit wir sauber sind, für den Sexakt, den der gestresste Mann eventuell einfordert.

Morgens stehen wir als erste auf, bereiten alles vor, wecken lachend und geduldig die Kinder, bringen sie noch immer gut gelaunt in die Kita/Schule, fahren arbeiten und alles wieder von vorne.

Hört es sich überspitzt an, sarkastisch?

Aber das ist die Werbung. Schaut mal genau hin. Das ist das Bild, was uns Müttern suggeriert, wie wir zu sein haben. Jeden! Tag! Die Frauenzeitschriften habe ich dabei mitgezählt.

Ich will damit sagen, das sind alles Dinge, die auf unseren Schultern Lasten.

Und wir sind ganz alleine damit.

Es ist leider eben genau das – sobald Du Mutter wirst, bist Du nur noch eines – Mutter.
Und damit wirst Du zum Störfaktor, denn wenn das Baby schreit beim Einkauf, störst Du.
Wenn es helfen will und Du deshalb etwas länger an der Kasse brauchst, störst Du
Wenn Du Dich unterhalten willst und das Kind an Dir zerrt, störst Du.
Wenn Du denn einmal ohne Kinder was machst und nur von den Kindern erzählst (weil es momentan Dein Lebensinhalt ist!), störst Du.

Dein Sexy heisst mit Beginn der Mutterschaft „Milf“ und alles was Du bist, tust, denkst und sagst, wird auf dieses eine heruntergebrochen: Mama!

Alles was Du bist und jemals warst ist nichts mehr wert.

Du bist für alles verantwortlich und wenn etwas schief geht, hast Du die AKarte, ganz egal warum es schief gegangen ist. Du bist schließlich die Mutter.

Und wenn die Kinder dann irgendwann alt genug sind und Du Dein Leben wieder hast, kannst Du Dich um Deine alten und kranken Eltern kümmern oder um die Schwiegereltern. Und wenn das dann irgendwann nicht mehr ist, bist Du selber so kaputt von diesem Hamsterradleben, dass Du einfach nur noch den Tag überstehen willst.

Natürlich verlässt Dich Dein Mann für eine jüngere, agilere und vor allem sexuell aktivere Frau. Du bist ja so langweilig geworden.

Statt also Achtung, Respekt und Anerkennung zu bekommen für ein Leben voller Arbeit, Aufopferung und dem Sorgen um die verdammte Zukunft von uns allen!! (und das sogar kostenlos) wirst Du noch bestraft mit Einsamkeit, einer niedrigeren Rente (wenn überhaupt) und immer und überall der Unterstellung Du seist ja nur Faul, weil Du nicht arbeiten gehst und/oder eine Rabenmutter, weil Du arbeiten gehst Während Dein Mann sein Leben ganz normal weiterlebt und nicht versteht, warum Du so frustriert bist.

Aber sobald Du was sagst und die Klappe aufmachst, wie unfair das alles ist und wie schädlich vor allem und was das über uns als Gesellschaft aussagt, heisst es nur, Du bist zu gelangweilt, hast zuviel Zeit und gehörst mal wieder ordentlich gebügelt.

Und statt dann das Dorf auf unserer Seite ist, uns hilft, entlastet, versteht, zuhört, kriegen wir noch einen drauf, wenn wir dem allgemeinen Bild nicht entsprechen.

Also Beissen wir die Zähne zusammen und geben, geben, geben. Jeden Tag unser allerallerbestes.

Bis wir nicht mehr können. Bis wir das Gefühl haben, wie ein Streichholz zu zerknicken, wenn noch eine einzige Sache obendrauf kommt. Bis wir ersticken an diesem Korsett von Gesellschaft und Erwartungen.

Wir sind in einer Zeit, in der es uns so gut geht, wie nie zuvor.

Und wir sind in einer Zeit, in der wir so allein sind wie nie zuvor.

Frauen sind alleine, weil sie immer die Arschkarte haben. Entscheiden sie sich gegen Kinder (sofern das Möglich ist und sie nicht doch irgendwann einbrechen), werden sie bestraft, weil sie nichts für die Zukunft des Landes machen und sollen sogar als Strafe eine niedrigere Rente bekommen (wtf). Sie werden trotzdem diskriminiert, übervorteilt und nicht ernst genommen, einfach nur deshalb, weil sie Frauen sind. Und es könnte ja sein, dass doch noch ein Kind kommt. Man(n) weiss ja nie. Sie sind trotzdem auf ihren Uterus reduziert und bekommen oft genug zu hören, dass sie es irgendwann bereuen werden. Als ob Kinder kriegen der einzige Sinn im Leben einer Frau wäre.

Entscheiden sie sich für Kinder, kriegen sie definitiv eine niedrigere Rente, weil sie ja nicht arbeiten gehen in der Zeit, in der die Kinder betreut werden (doppelt wtf), werden definitiv übervorteilt weil sie ja nicht arbeiten gehen in der Zeit, in der die Kinder betreut werden usw. Also egal was, es ist falsch.

Das muss sich ändern. Dringend. Jetzt!

Es kann nicht sein, dass alles auf den Schultern der Frauen bzw Müttern lastet und sie dafür noch bestraft werden auf so vielen Ebenen.

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