Ein Tag im Leben eines Briefkastens

Ihr Lieben, dies ist mein erster Gastbeitrag. Ich freue mich, dass ich die Geschichte von Maike (aka Mama_Huhn bei Twitter) veröffentlichen darf ❤ Ich persönlich finde diese Geschichte sehr inspirierend und ich hoffe, euch gefällt sie ebenso gut wie mir. Und nun viel Spaß beim Lesen:

Der Tag im Leben eines Briefkastens.
(m.v., 23.11.2018)

Heute früh bin ich aufgewacht, als mich ein kichernder Typ mit Edding beschmierte. Da er auf meiner der Straße zugewandten Rückseite kritzelte, konnte ich es nicht gleich entziffern. Irgendwas mit „FCKAFD“, nehme ich an. Einerseits nicht sonderlich kreativ – das trug gestern erst einer auf seinem Pulli hier vorbei, und andererseits – führt das nicht dazu, dass die Heinis sich vermehren?!

Naja, jedenfalls konnte ich danach noch etwas dösen, bevor mir der erste Kleinköter gegen das Bein pisste. Immerhin nur das.

Ach, und da kommt schon Rudi vorbei. Dann ist es wohl halb acht. Rudi schickt immer mittwochs einen Brief an seinen guten Freund Klaus in Erfurt. Klaus ist nicht mehr gut zu Fuß und Rudi wird vom „Eisenbahnfahren“, wie er es nennt, furchtbar schlecht. Das stand mal auf einer Postkarte, davon schreibt Rudi nur eine aller vier Wochen. Vor zwei Jahren stand darauf mal ein Dankeschön, weil Klaus mit Hilfe seiner Enkelin eine Kondolenzkarte geschickt hatte, nachdem Rudis Hund gestorben war. Das hat Rudi sehr gerührt, aber einen neuen Hund wollte er nicht mehr haben. Rudi seufzt laut, und wirft den Brief an Klaus in meine Klappe ein.

Es ziehen Wolken auf, nachdem der Morgen so sonnig begann. Der Wind ist auch aufgefrischt und wirft ein paar Blätter von den Platanen, die sind zum Glück nicht so hart, wie die Rindenstücke, die im Sommer herunterfielen und mir fast mein Dach verbeult hätten.

Rudi ist noch nicht weit gegangen, da kommt ihm Hilde entgegen. Hilde ist Tagesmutter, und hat ihren Tageskindern mal erzählt, ich sei ein Zauberkasten. Fünf Paar leuchtende Kinderaugen musterten mich, und ihre Ohren lauschten gespannt. Hilde scheint den Trubel mühelos zu stemmen, aber auf ihrer letzten Postkarte stand etwas anderes. Hilde ist schon länger allein, und nun will der Vater ihres eigenen Kindes das Sorgerecht abgeben. Die Menschen sind absurd bisweilen.
Zwei Wochen muss sie noch warten bis zum Gerichtstermin, der darüber entscheidet, wie es für die kleine Einelternfamilie nun weitergeht. Heute wirft Hilde die letzten Unterlagen ein, auf dem Umschlag steht die Adresse einer Kanzlei. Auch sie seufzt heute leise, setzt ein Lächeln auf, und schiebt den Tageswagen weiter.

Ich höre aus der Distanz den Schlüssel im Türschloss der altehrwürdigen Bibliothek, und die ersten Studenten steigen die Stufen zur Drehtür hinauf. Wie es drinnen aussieht, würde mich brennend interessieren, das Gebäude ist von außen sehr robust und gut saniert worden. Während der letzten Fassadenreinigung drückten ein paar der Helfer ihre Zigarettenstummel auf meinem Dach aus, das war nicht sehr nett.

Ich bekomme kaum noch Postkarten oder handgeschriebene Briefe eingeworfen, oft sind es offizielle Schreiben, Unterlagen, und Anträge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen davon mehr miteinander reden, schließlich haben sie die Telefonzelle an der Ecke vor einigen Jahren schon abgebaut. Sie war auch so schön gelb wie ich, hatte elegante Fenster und ein rundliches Dach.
Das Telefonieren scheint sich auch ohnehin verändert zu haben, viele tragen so ein Ding vor dem Mund, als wollten sie im nächsten Moment hineinbeißen. Dann sollten sie vielleicht doch lieber wieder Briefe schreiben, wenn sie ohnehin nicht zuhören.

Es fallen ein paar Regentropfen auf mein Dach, als der Mittag langsam näher rückt, und wieder mehr Betrieb um mich herum herrscht. Ein paar Spätaufsteher kommen jetzt erst zur Bibliothek, einige kommen vielleicht gleich wieder heraus, um sich über die fehlenden Plätze zu beschweren. Wieder andere erwecken den Eindruck, dass sie weniger hier sind, um zu lernen, als vielmehr, um gesehen zu werden. Mit Büchern unter dem Arm kommt kaum noch jemand vorbei, es sei denn, die Person ist über fünfzig Jahre alt.

Mit dem frühen Nachmittag rückt meine Leerungszeit näher, aber viel hat sich heute nicht eingefunden. Die Person, die sicher gleich mit dem Lieferwagen vorfährt, wird wieder fluchen, wozu es so viele Briefkästen gibt, wenn ohnehin nicht mehr viel Post hier gesammelt wird. Die Leerenden sind hier immer in Eile, immer gestresst, und fast immer schlecht gelaunt. Ich möchte mich gar nicht über meinen Standpunkt beschweren, wenn ich sehe, wie viel Ärger mit der Beweglichkeit verbunden sein muss.

Kurz nach der Leerung bricht der Abend an, und eine junge Frau stürmt noch zu mir, um einen offenbar wichtigen Brief abzusenden, schaut auf meine Tafel und flucht laut. Vor zwei Wochen hat sie die Leerung ähnlich knapp verpasst, ob wohl ihre Uhr falsch geht? Sie schnappt ihr Fahrrad, das sie kurz abgestellt hatte, und macht sich auf den Weg, wohl zu einer Poststelle in der Innenstadt.

Mein letzter Besuch für heute kündigt sich an. Ich höre den Gehstock, mir weht eine leise Ahnung eines besonderen Duftes um Dach und Rumpf, und dann sehe ich sie: Das adrette Hütchen mit der Feder auf der grauen Dauerwelle, der waldgrüne, pelzverbrämte Mantel und der immergleiche Lippenstift in sattem rot.
Louise von und zu Donnersberg, wie es im langen Absenderfeld heißt, bringt eine weitere Karte zu mir. Wie ich der Häufigkeit ihrer Besuche entnehme, muss es eine große Verwandtschaft sein, die den Namen ebenfalls trägt. Ich nehme an, es ist wieder ein roter Umschlag, und sehe im orangen Laternenlicht die lederbehandschuhte Hand in der kleinen Umhängetasche verschwinden. Sie zieht, wie erwartet, einen roten Briefumschlag hervor und wirft ihn ein. Ihre Hand hat in den letzten Monaten begonnen zu zittern, was sie nicht davon abhält, kunstvolle Sütterlin-Initialien auf den Umschlägen zu platzieren. Sie räuspert sich kurz, wie die feinen Damen es häufig tun, und verschwindet ins Dunkel. Das erste mal bin ich mir nicht sicher, dass ich sie wiedersehen werde.

Ich mache mir Gedanken, was die Menschen bewegt, die ihren Weg zu mir antreten. Oft bin ich wohl der Kummerkasten für die Menschen hier, der Anfang einer Reise von sehr persönlichen, oder sehr bösen, manchmal sterilen, schlichten, geschäftlichen Worten – und ganz selten auch mal der Beginn einer Hoffnung.

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