Anlaufschwierigkeiten – oder: Wieso ich ehrliche Eltern lange nicht für selbstverständlich hielt.

Artikel von Maike

Willkommen zum hundertsten Artikel über die Ehrlichkeit von Eltern(bloggern). Bevor ich Plattitüden von mir gebe, möchte ich mich kurz selbst vorstellen:

Ich bin eine Tochter aus einem Haushalt mit überdurchschnittlich vielen Kindern, durch die berufliche Situation meiner Eltern war ich teils sehr stark in alles mögliche eingespannt, und neben der Schule habe ich als Kindermädchen gearbeitet, sogar noch weit ins Studium hinein. Dass das meiner eigenen Entwicklung (und damit auch Reflektion meiner Umwelt und deren vermeintlicher Wahrhaftigkeit) nicht immer zuträglich war, musste ich später unsanft herausfinden und recht schmerzhaft aufarbeiten.

Dieser Hintergrund soll lediglich kurz angeschnitten sein, und zu meinem eigentlichen Anlass für diesen Text führen: Ich halte ehrliche Eltern noch nicht immer für selbstverständlich (und ja, das bewegt mich selbst, weil ich es gern längst getan hätte).

Was sind eigentlich ehrliche Eltern?
Es machte in den letzten Tagen ein Hashtag die Runde, der als Portal für Einsichten gelten sollte, dass Ungeduld, oder vermeintliche Sünden im Elterndasein doch normal, oder zumindest weiter verbreitet sind. Es sollte aufzeigen, was wir Eltern empfinden, was wir selbst als verurteilenswert kennen gelernt haben. Dabei spielt keine Rolle, ob unser Ursprungsumfeld uns derart geprägt hat, oder auch Reaktionen auf uns selbst als Eltern diese vermeintlichen Sünden als solche gebrandmarkt haben.

Die Kritik zum Hashtag kam ebenso schnell: Wozu brauchen wir einen solchen Hashtag?
Darauf möchte ich zunächst antworten, dass er, wie jeder Hashtag, nicht immer für alle und jede’n gedacht ist. Wie viele Belange auch, kommt es hier zu einem Moment-Phänomen: Nach langem Diskurs gipfelt hier ein Momentum, in dem sich eine relativ große Gruppe vereint und austauscht, im Idealfall auch bestärkt und/oder empowered.

Das ist jetzt alles ein bisschen abstrakt, daher ein Beispiel:
Um die häusliche Gewalt an schwarzen Frauen sichtbar zu machen, wurde der Hashtag #metoo ins Leben gerufen. Mit dem deutschen Äquivalent #aufschrei gab es eine kürzere Diskussion im deutschen Sprachraum, die einen ähnlichen Ansatz, aber eben kulturell angepasst wurde für unsere Breitengrade. Eine Adaption, wenn man so will. Erst mit der Popularisierung durch Alyssa Milano und andere berühmte (vornehmlich weiße!) Schauspielerinnen erlangte der Hashtag #metoo ein breites, internationaleres Publikum, ebenso beteiligten sich Männer an der Diskussion, was die Auswirkungen von toxischer Männlichkeit in Form von Machtverhältnissen in westlichen Kulturen bedeutet. Prinzipiell hat also das Aufzeigen und Anprangern der Missstände, die offenbar kulturübergreifend herrschen, eine längere Geschichte, die mehrere Stufen/Reichweiten und mehrere Veränderungen nach sich zog.

Weshalb ich diesen Bogen schlage, ist dem Kommentar geschuldet, dass Elternblogger’innen seit über 10 Jahren für elterliche Authentizität im Netz kämpfen, schreiben, werben.

Ehrlich gesagt, war mir das lange nicht bewusst. Auf Elternblogs wurde ich erst so richtig aufmerksam, als ich selbst ein Elter werden wollte.

Vor zehn Jahren machte ich noch meinen Führerschein und mein Abitur, und relevant waren die Themen erst vor ca 5 Jahren geworden. Die Bandbreite der Blogs überfordert mich übrigens bis heute, weshalb ich mit meinem eigenen Versuch, einen Blog zu führen, eher in die Richtung Online-Tagebuch lenkte.

Erst mit Twitter, einem Portal, dem ich auch vor gerade einmal zweieinhalb Jahren beitrat, wurde mir die Reichweite einiger Elternblogger’innen bewusst die ich allesamt lange unterschätzt hatte. Ein größeres Netzwerk fand sich für mich erst mit der Demo gegen Kinderarmut im Mai 2018 zusammen (übrigens wiederholen wir diese Demo am Samstag vor dem Muttertag 2019 wieder in Berlin! Merkt euch bitte den Termin schon mal).

Seitdem wurde meine Teilnahme an den Diskussionen noch breiter, und ebenso machte ich anderswo Fortschritte, die mich endlich an das heranführten, was teilweise seit Jahren schon schlummerte: Die Suche nach einem Ventil für das, was ich mich in manchem (Freundes)Kreis nicht traute anzusprechen, war endlich erfolgreich.
In einigen Diskussionen zuvor und in privaten Nachrichten, sammelte sich das Verständnis, der Austausch, all das, was mir als junger Erstlingsmutter damals gefehlt hatte. In der Familie und im Freundeskreis war unser Kind das erste, das erhöhte spürbar den Druck, als stünde ich vor großem Publikum. Für vieles, was ich empfand, schämte ich mich, einiges Verstand ich überhaupt nicht und allzu oft war ich absolut überfordert mit mir selbst, und all dem, was in Schwangerschaft, Wochenbett und danach mit mir passierte.

Mit einem simplen Hashtag hieß es mal, könne nicht viel erreicht werden. Spätestens nach #metoo möchte ich das widerlegt wissen.

Was uns nun im Kleinen unter #ehrlicheltern / #ehrlicheeltern vereint, sind vielleicht noch mehr von meiner Sorte Eltern, die neu und/oder jung auf Twitter gerade einen Moment beim Schopf packen, in dem sie Verständnis, Austausch und andere Stimmen finden können, mit denen die eigene Last ein bisschen kleiner wird – mit der ein wenig Vorwurf an uns selbst schwindet.

Ja, ich habe es auch als arrogant bezeichnet, jenen, die wie ich den Hashtag gern nochmals zum Sammeln unserer Dinge, die wir vor niemandem mehr rechtfertigen wollen (entweder weil wir es von früher so kennen, oder jetzt bei anderen Eltern als urteilsreif erleben), zu unterstellen, den gesunden Menschenverstand dabei auszuschließen, oder Selbstverständliches als „ehrlich“ zu labeln. Weder bedeutet der Hashtag, dass alles andere auf Twitter gelogen, geschönt, oder erfunden ist, noch heißt das, dass bisher niemand ehrlich war, und wir endlich den Durchbruch wagen. Nein, all das heißt es nicht. – Es heißt z.B. in meinem Fall, Dinge gern als selbstverständlich annehmen zu wollen, die es bisher nicht waren. (Aus welchen Gründen auch immer!)

Wie neulich schon in einer anderen Diskussion, möchte ich auch hier darauf verweisen, dass wir nicht alle mit derselben Voraussetzung starten, noch die Dinge jeweils als selbstverständlich für alle nehmen sollten, die es
für uns sind.
Auch dazu ein Beispiel: Eine von Gewalt geprägte Kindheit mag eine Person für selbstverständlich halten, weil sie es selbst so erlebt hat – das heißt zum Glück nicht automatisch, dass wir alle das für „normal“ halten. Ebenso „nicht selbstverständlich“ sind viele andere Dinge, die Eltern hierbei sammeln.

Um auf die lange Vorarbeit vieler Elternblogger’innen zurück zu kommen, möchte ich dringend darauf verweisen, dass ohne diese Vorarbeit auch dieser Hashtag sicher nicht möglich gewesen wäre. Das Eine (neue Phänomen) ohne das Andere (die Vorarbeit) zu betrachten, wäre hierbei ganz fatal, weil beim Hashtag dann die Vorarbeit fehlen würde. Der Hashtag ersetzt definitiv nicht die bisherigen Bemühungen, er kann diese aber ergänzen. Er kann dazu führen, dass wir weiterhin (und vielleicht dieses mal wieder ein wenig zahlreicher) dafür einstehen, vom Werbe-Ideal der Sonnenscheinglücksfamilie abzusehen und uns abseits davon ehrlich miteinander auszutauschen. „Ehrlich“ heißt auch, ohne Angst vor Urteil, ohne Scheu, und mit mehr Verständnis und Akzeptanz untereinander. Kulturtheoretisch sammeln wir also Bisheriges und formen damit den Diskurs für uns neu („bricolage“, Levi Strauss), bzw adaptieren und verwerten bisherige Texte weiter, die, wie Linda Hutcheon meint, damit eine bessere Chance haben, zu überdauern. Den Diskurs um die Elternschaft zu erweitern, heißt hier nicht, dass wir ihn komplett überschreiben, oder ersetzen, sondern tatsächlich nur neu formen und für uns anpassen. Dieses „uns“ muss niemand sein, ist aber sicher offen für jede’n.

Schließlich appeliere ich fast schon traditionell an eure Bereitschaft, weiter miteinander zu reden, statt sich nur gegenseitig Dinge an den Kopf zu werfen, und nicht mehr zuzuhören. Es ist zur Not eben „nur ein Hashtag“ und wenn ihr damit nichts anfangen könnt, schaltet ihn einfach stumm, wie einige es offenbar längst getan haben.

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