Die Lüge vom Schutz des Lebens

Von Maike:

Da tobt er wieder, der sogenannte Kampf der Geschlechter. Während aber offiziell immer noch von Frauen und Männer die Rede ist, möchte ich hierbei die Begriffe „gebärendes Elternteil“ und „zeugendes Elternteil“ benutzen, um der Geschlechtervielfalt Rechnung zu tragen, denn es geht letztlich bei Debatten wie der um den § 219a längst nicht nur um Frauen, und das nicht nur, weil sich erschreckend viele cis Männer in die Debatte derartig einbringen, als ginge es um ihr eigenes Leben.

Um auf den Titel zurück zu kommen, muss ich etwas weiter ausholen. Die Debatte, zu der sich die Überlegung zur Abschaffung des Paragraphen 219a entwickelt hat, beginnt im Grunde mit ihrer Einführung. Der Paragraph 219a wurde dem Strafgesetzbuch nach Überlegungen ab 1913 in einer ersten Form erst im Mai 1933 beigefügt. Insbesondere ging es dabei um die Erhaltung und Vermehrung des Volkes, und aber auch die Strafbarkeit der „Vorbereitungshandlungen“, die dem Gedanken an eine Abtreibung angeblich oftmals überhaupt erst auf die Sprünge halfen. Mit diesem Paragraphen sollte der gewerblichen (entgeltlichen) Abtreibung der Boden entzogen werden. Weiter heißt es zur vom Bundestag beauftragten Abfrage des Sachstandes zur Entstehung des Paragraphen 219a1:

Vor diesem Hintergrund wurde das öffentliche Anbieten13 von Abtreibungen durch das Gesetz zur Abänderung strafrechtlicher Vorschriften vom 26.05.193314 in den §§ 219, 220 RStGB unter Strafe gestellt.“

Was also bedeutet das? Das Anbieten der Handlungen vor und während eines Schwangerschaftsabbruchs sind verboten. Dabei wird leider nicht genau spezifiziert, wie genau das gewerbliche Anbieten aussehen müsste, um strafbar zu sein. Neben den allgemein üblichen Leistungen einer’s Gynäkologin’en darf es also, wenn wir dem Prozess um Kristina Hähnel folgen, nicht aufgeführt sein. Andere kostenpflichtige Leistungen dürfen allerdings öffentlich angeboten werden.
Innerhalb der Debatte, die nun, ein Jahr nach dem Auftrag, einen Beschluss forderte, las ich zahlreiche Artikel zum Thema. Unter anderem einen über Studierende des Bereichs Medizin, welche an einer Papaya die Prozedur zu üben lernten (Link), aber auch nur auf freiwilliger Basis, nachdem dieser Eingriff kein fester Bestandteil der Ausbildung ist. Auch tobt in der Debatte immer wieder der Begriff es „Schutz des ungeborenen Lebens“ auf, ebenso wie eine ganze Bewegung, die sich „Lebensschützer“ nennt.

Die neue Vorsitzende der CDU, Annegret Kramp-Karrenbauer, ließ kurz nach dem Beschluss, den Paragraphen nur minimal zu ändern, verlauten, der Schutz des Lebens habe oberste Priorität für ihre Partei. Angesichts der Debatten um Abschiebungen (nicht nur in der Schwesterpartei CSU), der fehlenden breiteren Empörung über Kinderarmut (fast jede 6. Person unter 18 war 2016 armutsgefährdet, steht im neuen Sozialbericht:Link), fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf in vielen Bereichen, und dem hohen Stand von Einelternfamilien (23,4% im Jahre 2017), der allgemeinen Armutsgefährdung von insbesondere Müttern (Bericht über die Bertelsmann Studie 2018:Link) scheint dieses Statement plötzlich nicht mehr ganz so stark. Außerdem, so liest es sich zusammenfassend auf einem Twitteraccount, hat in Deutschland offenbar das theoretische, potenzielle Leben mehr Wert, als das faktisch bestehende:Link
Auf einem weiteren Account ist zu lesen, was diese Forderung bedeutet:
Link
Das heißt, im Grunde reden wir gar nicht von der Frage, ob das Zellhäufchen, das erst ab der 24.-27. Schwangerschaftswoche wirklich überlebensfähig wäre, bis zur 12. Schwangerschaftswoche abgetrieben werden darf. In einer Schwangerschaft, die regulär ca 40 Wochen umfasst, steigt die Lebensfähigkeit also erst nach über der Hälfte der „Reifezeit“. Bedenken wir zusätzlich, dass statistisch nur jede 4. befruchtete Eizelle den Weg zur Geburt eines Menschen geht (Quelle), sollten wir vielleicht lieber über Stigmata bezüglich versagender Verhütung (vgl Pearl-Index), Alleinerziehenden, regional gar unverheirateten Elternteilen, und dem „Versagen“ des Körpers bei einer Fehlgeburt oder einem Kaiserschnitt reden.All das führt mich zu der Annahme, dass es anscheinend immer auf den Schultern des gebärenden Elternteils liegt, wenn etwas nicht funktioniert, aber eben auch die Doppelmoral vertreten wird, Unterhaltsprellende nicht oder nur wenig zur Rechenschaft zu ziehen. Währenddessen sieht sich das austragende Elternteil mit mangelnder Versorgung in der Geburtsvor- und -nachsorge konfrontiert, und hat sich zudem bei Erwerbsarbeitsausfall sofort bei sämtlichen Ämtern zu informieren, zu rechtfertigen, und um Hilfe zu bitten.

All das führt mich zu der Annahme, dass es anscheinend immer auf den Schultern des gebärenden Elternteils liegt, wenn etwas nicht funktioniert, aber eben auch die Doppelmoral vertreten wird, Unterhaltsprellende nicht oder nur wenig zur Rechenschaft zu ziehen. Währenddessen sieht sich das austragende Elternteil mit mangelnder Versorgung in der Geburtsvor- und -nachsorge konfrontiert, und hat sich zudem bei Erwerbsarbeitsausfall sofort bei sämtlichen Ämtern zu informieren, zu rechtfertigen, und um Hilfe zu bitten.
Die Idee, das Versagen sei die Schuld des austragenden Elternteils, geht konform mit der Idee, eben dieses Elternteil sei für das Kind unverzichtbar. Jedoch halte ich die Unverzichtbarkeit für eine Lüge. Das liegt nicht daran, dass ich anderen gebärenden Eltern ihre essentielle Rolle (und damit aber auch Verantwortung für das eigene Wohlergehen!) absprechen will, sondern lediglich mit der Kritik daran, eine Aufgabe, die nicht umsonst zwei Teile (auf kleinster Ebene Samen und Eizelle) erfordert, auf lediglich ein Paar Schultern zu lasten. Es begründet sich meiner Meinung nach in einem konservativen Familienbild, das gebärende Elternteil an die Care-Arbeit zu binden, und damit nicht nur von weiteren Aufgaben (gleichwertiger Erwerbsarbeit zu gleichem Lohn) abzuhalten, sondern auch, klar vorzuschreiben, welche Rolle erwünscht ist. Dass das über mehrere Jahrzehnte sogar gesetzlich festgeschrieben eine strukturelle Benachteiligung für Gebärende darstellt, wollen viele Menschen, insbesondere nicht-Gebärfähige, nicht wahrhaben.
Eine vorgeschriebene, da für andere (und dabei in entscheidenden Positionen bequem sitzende) Personen vorteilhafte klare Aufteilung, bedeutet letztlich, dass eine bestimmte Position, hierbei die des gebärenden Elternteils, maßgeblich nachteilbehaftet ist.Jedoch ist es, wie in der hochgelobten „guten alten Zeit“ (vgl.

Jedoch ist es, wie in der hochgelobten „guten alten Zeit“ (vgl.
Link) heute nicht mehr flächendeckend wirtschaftlich, nur ein Elternteil arbeiten gehen zu lassen (siehe ebenfalls Bertelsmannstudie). Das heißt auch, dass Familien grundsätzlich auf zwei Einkommen angewiesen sind, und ab dem dritten Kind wird es laut FAZ-Autor Christoph Schäfer „richtig teuer“ (Link). Demnach eine konservative Politik zu vertreten, müssten wir uns erstmal leisten können (im wörtlichen Sinne!).
Hierbei möchte ich nochmal auf den Beginn mit dem §219a zurückkommen: Ein Werbeverbot für Abtreibung erfordert im Grunde dennoch eine Alternative, denn de facto ist es damit zu einem Informationsverbot geworden, mit dem Betroffene auf die Seiten von Abtreibungsgegner ausweichen müssen, um überhaupt zu erfahren, welche Ärzt’innen in der Umgebung eine Abtreibung vornehmen würden. Eine flächendeckende Versorgung ist nicht gegeben (Link) und die bisher ausgebildeten Ärzt’innen der 68er Bewegung gehen langsam alle in Rente (siehe Artikel). Das heißt de facto, dass Betroffene oft keine Möglichkeit haben, für den Notfall versorgt zu sein, oder, wie es ebenfalls auf Twitter von einer Journalistin berichtet wird, dabei dann auch gut und vorurteilsfrei versorgt zu werden: Link
Selbst ein Abtreibungsverbot, oder eben dieses aktuelle Werbeverbot, machen das Kinderkriegen mit Sicherheit nicht attraktiver, wenn wir auch bedenken, was ich angemahnt habe: neben hoher Kosten, bedeuten Kinder auch langfristig ein höheres Armutsrisiko, insbesondere für das gebärende Elternteil, das nun per Beratung, die nicht immer neutral verläuft (Link) nicht immer direkt erfährt, an welche Kliniken oder Praxen es sich wenden kann (siehe Thread von Its Solvey: Link ). Eine strukturelle Benachteiligung liegt also nach wie vor in Deutschland vor, zudem sind Kitaplätze knapp, und der Arbeitsmarkt behandelt gebärfähige Menschen immer noch nachteilig (Link). Der Account „Wie viele Frauen?“/@WieVieleFrauen zählt in sämtlichen Bildern im Netz, auf Websiten, von Talkshows, Panels, etc nach, wie die repräsentativen Zahlen, bzw die Sichtbarkeit von Frauen aussieht. Was das auch zeigt, ist, dass selbst im binär gedachten Spektrum eines überrepräsentiert ist, und das sind nun mal dieses, die sich als Männer zählen. Jene sind es nun auch oft, die in der Diskussion um Abtreibung am lautesten nach dem „Schutz des ungeborenen Lebens“ schreien, aber bei Erwiderungen, wie der Lage zur Versorgung Schwangerer mit einer Hebamme (Linkund:Link ), der nachgeburtlichen Versorgung des Kindes, den verschlechterten Bedingungen, die lebenslang für das gebärende Elternteil entstehen, schnell persönlich beleidigend werden, oder auf Folgeschäden einer Abtreibung (wie das sogenannten post abortion syndrom, PAS) verweisen, die de facto nicht so hoch sind, wie gern behauptet wird (Link und auch: Link ).
Zudem wird in dieser Debatte nicht nur nicht bedacht, was mit dem Leben passiert, wenn es erst ein mal geboren wurde, sondern es wird unterschwellig auch vorausgesetzt, dass die Eltern schon ihren Weg finden – bei überlasteten Jugendämtern (Link) ist es kein Wunder, dass dort wenig Hilfe zu finden ist. Die Reform des Unterhaltsvorschussgesetzes von 2017 hat zudem zu einer höheren Antragsrate für die Ersatzleistung nicht zahlender (aber eben zahlungspflichtiger) Elternteile geführt. Die Kinderarmut steigt, die Rückholrate bei säumigen Elternteilen beträgt bundesweit gerade einmal um die zwanzig Prozent (Link).

Nicht nur finanziell, sondern oft auch emotional sind die erziehenden (und damit häufig die gebärenden) Elternteile vom anderen Elternteil abhängig, was sich in zahlreichen Berichten finden lässt, und deren Tragik sich in überfüllten Frauenhäusern potenziert.

Hat sich ein Elternteil aus einer gewaltvollen Beziehung „herausgerettet“, und geht diesen wichtigen Schritt, findet das Elternteil weder für sich, noch für die Kinder entsprechende Unterstützung. Die Lage ist prekär, wie sollen da noch mehr Kinder geboren werden? Verletzter Stolz, Narzissmus, Böswilligkeit – und all das kann über die Kinder und den Unterhalt am hauptsächlich erziehenden Elternteil ausgelebt werden, nachdem Unterhaltsprellende weiterhin Druck ausüben können. Es besteht so viel Bedarf, etwas zu ändern, dass die überlasteten Alleinerziehenden oft nicht dazu kommen, eine Revolution zu starten, und alle noch in gewaltvollen Beziehungen Steckenden sich nicht lösen können, weil auf sie die Armut, die finanzielle Not, vielleicht die komplette soziale Isolation wartet, oder, im schlimmsten Fall, noch mehr Gewalt, Druck, Angst. (vgl dazu auch sogenanntes „Beziehungsdrama“, wenn aus Eifersucht, Verlustangst, etc diese Gewalt zu Mord wird, aber nicht als Mord bezeichnet wird)

Weitere Marginalisierung in Bezug auf Elternschaft, Lebensmodelle, und Familiendefinition erfahren zum Beispiel Trans-Menschen, welche entweder mit ihren Deadnames auf den Geburtsurkunden ihrer Kinder vermerkt sind, oder gar keine Geburtsurkunde erhalten, nachdem der Name und Personenstand eines Elternteils geändert wurden. Was an der Geburtsurkunde hängt, dürfte Eltern bekannt sein: Elternzeit, Elterngeld, Kindergeld. All das geht nur mit der Geburtsurkunde, und wird diese nicht ausgestellt, oder ist ein Elternteil mit dem Deadname aufgeführt, kann es sein leibliches Kind nur adoptieren (wie absurd!), nicht aber die o.g. Elternzeit oder gar Elterngeld beantragen. Das ist ebenfalls massive und nachhaltige Diskriminierung von Eltern in Deutschland. (Aus Schutzgründen nenne ich hierbei meine Quelle nicht)

Wenn also die sogenannte Christliche Union wirklich Leben schützen möchte, dürfen sie gern anfangen bei der Bekämpfung von Kinderarmut, oder mit der Verbesserung der Versorgung Schwangerer durch Hebammen und einer Verbesserung im medizinischen Bereich allgemein, der Finanzierung eines Lebens mit Kind (nicht in Form einer Erhöhung des Kindergeldes, das dann auf sämtliche Sozialleistungen angerechnet wird, und also nicht für Geringverdienerfamilien zählt!), oder auch in der Durchsetzung der Gleichberechtigungsgesetze für den Arbeitsmarkt – es gäbe hundert Möglichkeiten, das Kinderkriegen attraktiv zu machen, und vor allem sicherer zu gestalten. Ein Werbeverbot für Schwangerschaftsabbrüche ist keiner davon.

1Nachzulesen: https://www.sexuelle-selbstbestimmung.de/media/2018/01/Geschichte219aBundestag.pdf

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