Hej Du, die Geschichte eines schmerzhaften Abschiedes

Dies ist ein Gastbeitrag von einer anonymen Autorin. Ich bin ihr sehr dankbar für ihr Vertrauen und ich hoffe, sie findet ihren Weg ❤

Jeder Mensch hat eine Vergangenheit.
In den meisten Fällen können wir gut damit umgehen.

Vor fast 15 Jahren lebte ich ein völlig anderes Leben als heute und ich bin froh und dankbar für alle Erfahrungen, die ich damals machen durfte.

Aber noch heute gibt es das eine oder andere, was mich noch immer belastet.

Mel ist so lieb und hilft mir dabei, zu verarbeiten was ich nicht alleine verarbeiten kann, indem sie diesen Brief für mich veröffentlicht und ich anonym bleiben darf. Vielen Dank dafür!

Hey du,

ich weiß nicht, ob du dich noch an mich erinnerst, aber ich erinnere mich an dich, seit fast 15 Jahren.

Es war im September 2004 und ich war die neue „Freundin“ deines Mitbewohners, des Sadisten, wie ich ihn heute nenne. Mit 19 wusste ich damals nicht das mir dieser Sommer, dass du, mir so lange in Erinnerung bleiben würdest. Wer kann so etwas schon ahnen?

Ich erinnere mich noch an deinen überraschten Blick, als ich dich nach einem Bügeleisen fragte, weil mir langweilig war. Er war arbeiten.
Dein anerkennender Blick, als wir nach einer Weinprobe am späten Abend noch in deiner Küche saßen und ich tat, was er von mir verlangte.
Ich erinnere mich, dass du für mich da warst, als er genug von mir hatte. Wir hatten da schon jeden Abend gechattet. Hatten wir uns auch Sms geschrieben?

Dann war da dieser andere Meister, und wieder warst du für mich da als es nicht passte. Immer nur online, aber du warst da.
Und nur der Mond weiß wohl noch, ob du mich eingeladen hast oder ob ich dich fragte, ob ich ein langes Wochenende bei euch, dir und deiner Freundin, verbringen durfte.

Hey du,

ich weiß noch, wie wir in eurem Wohnzimmer saßen und uns unterhielten. Wir redeten über Musik, über das Klavierstück, dass du für deinen Neffen komponiert hattest, über meine Ausbildung, über die Regeln die ich für meinen letzten Herrn auswendig lernen sollte. Du hast dich köstlich amüsiert, das weiß ich noch.

Wir aßen Hot Pot und tranken Wein und redeten und lachten. Dann ging sie ins Bett und wir waren allein. Keine Ahnung wieso, ich glaube du wolltest mir die Schultern massieren. Und dann waren deine Hände überall und deine Stimme wie flüssige Schokolade; warm, dunkel, rau… Du warst der Dom und ich die Sub, und ich wollte brav sein. Ich konnte nicht anders, als mich fallen zu lassen.

Schon am nächsten Tag hatte ich ein schlechtes Gewissen, aber du hast es einfach weggewischt. Stattdessen habt ihr mich mit in ein Musical genommen, „Licht ins Dunkel – Behind the wall“ nach dem Album „The wall“ von Pink Floyd. Und im dunklen Zuschauerraum hast du immer wieder zu mir gesehen, hast mich möglichst unauffällig am Arm berührt. Und sie war sauer, … verständlich.

Ich wusste damals nicht wirklich, wie ich damit umgehen sollte.

Nach der Aufführung hast du mir noch Trier bei Nacht zeigen wollen, von einer alten Burg aus, glaube ich. Ich erinnere mich noch, wie ich an der niedrigen Mauer lehnte. Sie wartete im Wagen.

Die Erinnerung an den nächsten Tag liegt hinter einem Nebel aus Zeit, Müdigkeit und Zigarettenrauch.

Hey du,

du hast mich dann mit zu der Halloweenparty deiner Schwester genommen. Sie blieb zu Hause, wollte nicht mit. Du stelltest mich als eine Freundin vor, aber was war ich wirklich? Eine Freundin? Geliebte? Affäre?
Verdammt, du warst wie viele Jahre älter als ich? 20 Jahre? 25? Aber das war mir damals egal, denn das Alter ist am Ende auch nur eine Zahl.

Wir standen im Garten deiner Schwester, sahen uns die Sterne an und redeten über die Zukunft. Eine Zukunft, die es nicht geben konnte. Das wusste ich wahrscheinlich damals schon.

Und als wir dann wieder zu dir fuhren und noch in der Küche einen Wein trinken wollten, da sollte ich dir zeigen was ich gelernt hatte. Du wolltest spielen.
Da stand ich also, die Hände hinter dem Rücken gefaltet, den Kopf gesenkt, angetrunken, nervös. Und du gingst um mich herum und betrachtetest mich, immer wieder.

Dann nahmst du mir die Luft zum Atmen und in deinen Augen habe ich es gesehen: du warst der Meister. Ich vertraute dir und wollte brav sein, sehr sehr brav. Und das war ich auch. Wie konnte ich meinen Meister enttäuschen?
Was dann genau geschah, weiß ich nicht mehr.
Erst das schlagen der Küchentür ließ mich von jetzt auf gleich nüchtern werden.

Am nächsten Tag reiste ich ab, mit schlechtem Gewissen, aber der Gewissheit das es zu viel war.
Was hatte ich getan? Was war da passiert?

In den nächsten Tagen chatteten wir noch viel. Du meintest es sei alles gut, du hättest alles geklärt. Aber ich war immer noch unsicher, wusste nicht wohin mit mir, wusste nicht was werden sollte.
Ich war die Andere! Ich hatte jemanden verletzt, den ich nicht verletzen wollte. Ich hatte Mist gebaut.

Hey du,

nicht lange danach lernte ich D. kennen. Ich erzählte dir von ihm. Wieder ein Sadist, wieder eine andere Stadt. Du warst enttäuscht. Warum?
Du hast mir dann verboten, mich jemals wieder bei dir zu melden.

Also meldete ich mich nicht, auch nicht als es nach drei Jahren vorbei war. Drei Jahre, in denen ich mich immer wieder emotional verletzen lies. Ich war seelisch am Ende, aber ich blieb tapfer.

Ich hatte nie wirklich die Chance dir zu erklären, warum genau ich ihm den Vorzug gab.
Es war nicht das Alter, es war nicht sein Lebensstil. Es war meine Angst.
Am Ende bin ich wohl einfach nur vor allem weggelaufen. Vor dir, vor ihr, vor meinem Gewissen. Ich habe versucht alles was war hinter der Mauer weg zu sperren, die du selbst zwischen uns errichtet hattest. Aber die Erinnerungen haben sich wie Würmer in mein Hirn gefressen.

Ich kann es nicht vergessen, kann dich nicht vergessen. Auch wenn ich jetzt ein völlig anderes Leben führe, mich verändert habe… Denn das macht die Zeit mit den Menschen, sie verändert sie. Aber sie heilt niemals wirklich alle Wunden.
Und ich will es auch nicht vergessen! Aber ich will, dass es heilt. Ich will, dass es aufhört weh zu tun und mich zu verfolgen.

Vielleicht ist es aber auch die gerechte Strafe dafür, dass ich „die Andere“ war. Das war ein absolutes No-go, etwas von dem ich mir geschworen hatte, dass es mir niemals passieren würde.

Hey du,

heute lebe ich das Leben, dass ich mir schon immer gewünscht habe und ich bin glücklich. Nicht zuletzt, weil ich auch aus dieser Erfahrung gelernt habe. Dafür bin ich dir dankbar.

War das nicht die Frage, die wir uns damals mal gestellt haben:
„Wer weiß, wofür es gut war?“

Manchmal, wenn die Dunkelheit der alten Erinnerungen wieder über mich herein bricht, suche ich im Internet nach dir. Aber mit deinem alten Nickname bist du seit 2008 verschwunden. Trotzdem weiß ich, dass du noch lebst. Ich hoffe es geht dir gut und das du glücklich bist. Ganz ehrlich.

Ich habe Mel gebeten diesen Brief für mich zu veröffentlichen, weil ich hoffe so endlich loslassen zu können. Ich muss mich von diesem Teil meiner Vergangenheit verabschieden, um mich auf meine Zukunft konzentrieren zu können.

Hey du,

vielleicht liest du ja irgendwann zufällig diese Zeilen und erkennst dich darin wieder. Ich hoffe es und gleichzeitig habe ich Angst davor.

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