Packt die Dickpics ein!!!

Von Maike:

Oder: Warum ein Foto einer mit Mens-Blut beschmierten Hand uns nicht weiter jucken sollte.

Disclaimer: Ich sehe davon ab, sämtliche Personen, denen Bilder von Blut tatsächlich schaden können, zu verurteilen, im Gegenteil – ihr habt mein vollstes Mitgefühl dafür, dass diese visuellen Trigger euch erschrecken.

Iiiih Blut! Wie jetzt? Wo? Achso, da hat eine Person gemeint, das Blut auf dem Bild entstamme ihrer Periode, und offenbar hat dieses Bild eine Reihe von Menschen ziemlich aus der Bahn geworfen – und zwar solche, die nach eigenen, oder aus den Kommentaren zu lesenden, Angaben selbst nicht bluten.

Nun ist ja Blut so eine Sache: „Blut ist ein ganz besondrer Saft“, sagt Mephistopheles zu Faust im Studienzimmer, bevor sie ihren Pakt mit eben Faustens Blutes Unterschrift besiegeln. Außerdem finden sich in unserem Kulturkreis nicht nur literarische, sondern vor allem auch religiöse Bezüge zum „Saft des Lebens“, der unseren Körper durchrinnt. Sechs bis sieben Liter des wasserbasierten Gemischs (90% Wasser, Proteine, Salze und niedrig-molekulare Stoffe, wie Monosaccharide; Quelle: Wikipedia, „Blut“) durchlaufen den Körper einer Erwachsenen Person und versorgen Organe mit lebenswichtigen und -erhaltenden Elementen, wie z.B. Sauerstoff und Eisen.

Ein ganz komplexes Liquid also, das maßgeblich dafür verantwortlich ist, den Menschen am Leben zu halten. Tatsächlich dient dieser Exkurs dazu, nochmal deutlich zu machen: im Grunde ist also Blut etwas ganz Normales, Alltägliches, auch wenn es meist in menschenförmigen Hüllen transportiert wird, statt tatsächlich die Flüsse purpurn zu färben, wie einst in der Bibel für den Tag des Jüngsten Gerichts beschworen wurde. Außerdem hat das Sprichwort, das wir als „Blut ist dicker als Wasser“ eine andere Bedeutung, als die, in der es verwendet wird: Während die herkömmliche Deutung verwandtschaftliche Verhältnisse über die der losen Verbindung stellt, hat das vollständige Sprichwort eigentlich gelautet: „Mit Blut geschlossene (freiwillige!) Verbindungen sind dicker (stabiler) als die mit (Frucht)Wasser entstandenen.“(wörtl. „water of the womb“= Fruchtwasser)

Wir reden aber hier nicht von Blut, wie es in jedem Menschen allzeit vorkommt. Wir reden von der Art Blut, die wir alle ursprünglich brauchten, genauer noch: Das Blut der Menstruation ist eigentlich gar kein Blut, sondern viel dickflüssiger, zäher, und de facto Schleimhaut der Gebärmutter, nach nicht erfolgter Befruchtung einer Eizelle, die sich dort sonst eingenistet hätte. Basic biology, by the way.

Nun ist dieses Bild weder alltäglich, noch als „normal“ bezeichnet, es sorgte sogar für enorme Empörung: In dem Aufreger-Post eines Tüpen* ging es gar um zu erwartende Gewalt für die unaufgeforderte Verbreitung eines Bildes mit einer von (angeblich) menstruationsblutverschmierten Hand. In den Kommentaren wurde die Menstruation mit Kot verglichen, über den angeblich auch nicht so gern geredet würde.
Als Elter eines Kindergartenkindes erlebe ich das anders, aber nun gut.

Was also provoziert diesen Aufschrei, warum ist es „skandalös“, eine solche Hand in Szene zu setzen? Haben wir vielleicht doch ein Problem damit, was für Blut das eigentlich ist?! Zumindest geht meine Annahme dahin, denn den wenigsten Kommentierenden ist ein Sinn für die Normalität ihres eigenen Ursprungs dahingehend bewusst. Es liegt also anscheinend ein Tabu vor.

Mit einem Mal kommen mir zahlreiche Situationen in den Sinn, wie über die Menstruation geredet und geurteilt wurde, als ich in das Alter kam, in dem ich diese zu erwarten hatte.

Im Schwimmunterricht gab es die erste Mitschülerin, die sich wegen der Menstruationskrämpfe vom Unterricht entschuldigen ließ. Es folgte ungläubiges Gemurmel der anwesenden nicht-Blutenden und brachte der entsprechenden Person ein Zitat unseres Sportlehrers ein, dass auch knapp zwanzig Jahre später bei jeder Gelegenheit aufgewärmt wird. Weiterhin erinnere ich mich an Klassenfahrten, als ich im Einkaufs-Team für die Mitschülerinnen eine Packung Tampons einholte, und unser Klassenlehrer das betont normal finden wollte. Eine Mitschülerin, die ihre weiße Jeans an einem überraschenden ersten Regeltag verfluchte, und mich mehrmals gucken ließ, ob ich denn Flecken sehen konnte. Konnte ich nicht, und ich schäme mich, selbst etwas zu laut geantwortet zu haben, weil es ihr sichtlich peinlich war.

Allgemein galt die Menstruation aus Sicht der nicht-Blutenden meiner Klasse als unsere Generalentschuldigung für alles, speziell im Sportunterricht. Während unser Lehrer verschrieen war, den „Mädels“ gern beim Volleyball zuzuschauen (was niemanden proportional genauso gestört hat), fing ein Mitschüler an, sich die ungefähren Zeiten der „Ausreden“ zu merken, um abzugleichen, wer wann „nicht schon wieder“ ausscheiden (haha, ungewollter Wortwitz) konnte.

Wie absurd das ist, wird mir erst jetzt langsam klar. Dagegen anzureden, schien sinnlos. Jede „Männergrippe“ schien um so vieles schlimmer zu sein, als Krämpfe, die uns monatlich einmal vom Hocker fegten (oder in meinem Fall damals in größeren Abständen, dann aber immer zwei Tage am Stück schulunfähig).

Ich halte es entsprechend für wichtig, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass diese Körperfunktion, die wir weder gewollt haben, noch vielleicht ständig nutzen wollen, eine komplett annehmbar-normale Situation ist, nicht nur im Sinne der Wärmflasche, die der Tüp in seinem Post seiner Freundin angeblich bringt, sondern auch im Sinne der Ent-Stigmatisierung der Regelblutung als versteckenswerte, „unangenehm“ bis „eklige“ Zeit eines Menschen.

Dazu braucht es meiner Meinung nach für alle zugängliche Informationen, und ein Zuhören auf Seiten derer, die nicht bluten. Wenn ihr nicht wisst, was der Körper da leistet, dann informiert euch bitte! Der Körper ist dann geschwächt, ja, ABER! dieser Körper hat sich auch gerade darauf vorbereitet, eine befruchtete Eizelle ad hoc vollständig versorgen zu können. Anders als die ungenutzte Spermienflüssigkeit erfolgt dies eben über das schmerzhafte Zusammenkrampfen der um den Uterus liegenden Bänder, was u.a. zu massiven Kreuzschmerzen führen kann, ganz abgesehen von einer förmlich wetterfühligen Vorzeit mit starken Kopfschmerzen bis zu 3 Tage vor Einsetzen der Blutung.

Darüber, wie unpassend der Satz „Hast du deine Tage oder was?!“ ist, habe ich bereits an anderer Stelle ausführlich geschrieben (https://twitter.com/maikeschreibt/status/911885641130151936 ).

Das eigentliche Problem ist also nicht das Bild einer blutverschmierten Hand per se, sondern, dass wir in Zeiten des allgegenwärtigen Dickpics ein ambivalentes Verhältnis zu dieser Blutung haben. Der Aufschrei, der diesem einen(!) Bild folgte, ist ungefähr genauso laut, wie das Grillenzirpen, wenn Personen von Belästigung durch Dickpics berichten. In diesem Zusammenhang haben wir es mit einer Doppelmoral zu tun: Während der (meist erigierte) Phallus tagtäglich in Privatnachrichten, Chats und Profilbildern (! no kidding) zu sehen ist, wird eine Abbildung mit Menstruationsblut konkret tabuisiert. Die symbolische Kraft des Bildes ist also sehr effektvoll, sodass auf den Tisch kommen kann, was zu klären ist: Die Aufklärung über diese Blutung geht uns alle(!) etwas an, und sollte nicht von denen versteckt gehalten werden müssen, die darunter regelmäßig leiden. Wir alle sind dafür verantwortlich, einen gesunden Umgang mit allen Formen von Körpern und den jeweiligen Funktionen zu finden! Das heißt auch, nicht ungefragt die eigenen(?) Genitalien an einzelne Personen zu senden, sondern ein Maß zu finden, in dem einvernehmlicher Umgang miteinander möglich ist.

Eine weitere Bitte an alle, die nicht bluten: Wenn ihr Berichte lest, hört, seht: lest, hört und seht hin, vielleicht könnt ihr ja doch noch etwas lernen und ein bisschen Nachsicht üben, statt eine euch unbekannte Körperfunktion zu stigmatisieren. Danke.

*Tüp = feministisch konnotierter Begriff für (meist weiße) cis**-Männer, auch „Dudes“ genannt **cis = von Geburt an mit zugewiesenem Geschlecht konform

Falls ihr Maike unterstützen wollt, gebt ihr doch einen Kaffee aus, sie freut sich sehr darüber:

https://ko-fi.com/mamahuhn

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s