Kartoffeln mit Quark – Eine Person in Mahlzeiten

Von Maike:

Disclaimer: In diesem Text kommen Erwähnungen von Essstörungen, selbstverletzendem Verhalten, Suizid-Drohung und körperlichen Übergriffen vor.

Es handelt sich hierbei um kein Rezept, auch wenn der Titel das vermuten ließe. Ich möchte euch heute ein wenig davon erzählen, was die Selbstsuche mit mir gemacht hat, wie ich über das Essen und mein gestörtes Verhältnis zum Hungergefühl mich selbst wieder fand und wie sich dieser Prozess bisher entwickelt hat.
Der Titel passt unter anderem deshalb, weil ich aus der Niederlausitz komme, und Kartoffeln mit Quark dort das gefühlte Nationalessen ist.

Frühstück – Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt

Kindheitserinnerungen sind ja immer so eine Sache: Je länger sie her sind, desto schöner können sie werden. Bis ich in der Therapie mal den Begriff „glückliche Kindheit“ verwendete, hatte ich das auch wirklich geglaubt. Festgemacht an Kriterien wie solchen, dass ich nicht auf der Flucht war, ein Dach über dem Kopf hatte, und meine Eltern mit uns Kindern als biodeutsche Familie zusammenlebten, und wir Dank der Eheschließung alle denselben Namen hatten, schien es doch ideal. Genau da setzt ja aber auch eine Therapie an: Zu hinterfragen, von außen zu betrachten, und neu zu evaluieren.
Kurzgefasst kam ich zu dem Schluss, dass ich aufgrund der körperlichen Übergriffe, wie dem, dass mir ins Gesicht geschlagen wurde, wenn ich nicht gehorchte, sondern Wiederworte gab, kein klares Bild mehr hatte, welche Verhaltensweisen mir da bereits mitgegeben wurden. Ich erinnere mich auch an Fotos von tränenüberströmten Kindergesichtern in Foto-Alben. Wir wurden fotografiert, während wir weinten. Und das wurde auch noch ins Album geklebt!
Ein weiteres Beispiel ist das, dass meine Oma oft anbot (drohte?), uns zu füttern, wenn wir nicht aufaßen. Ich war schon immer recht mäkelig, was Essen anbelangt, aber ob es mir schmeckte, war Oma egal, rein damit, das Kind muss essen! Zur Not wird es gefüttert. Das letzte mal hat sie es probiert, als ich 21 war. Keine Pointe.
Dass Omas Generation mit Mangel aufwuchs, – keine Frage, kein Vorwurf, alles soweit verständlich, dass es sie vielleicht auch besorgt hat, Essen im Haus zu haben, und zu fürchten, dass das Kind nicht essen will. Dennoch verursacht bei mir heute noch das Wort „schlechte’r Esser“ kalte Rückenschauer. Bitte nichts reinzwängen!, denke ich dann. Auch besorgte Gesichter bei den Erwachsenen, oder lautes mockieren des Essverhaltens können schnell umschlagen in eine Ablehnung gegen Nahrung – es wird zum lästigen Thema, Zwang gar, und allgemein ungenießbar.
Dinge, die ich mochte, habe ich auch aufgegessen, aber wie gesagt, als mäklige Kandidatin hatte ich damit schlechte Karten. Mein Körper reagierte übrigens ganz fix mit Würgegeräuschen, da ließ Oma das Füttern dann doch sein. Ein „Ich will nicht!“ hatte ja nicht gezählt.
Eine weitere Spezialität war „Kuss auf Oma!“ – die Forderung nach körperlicher Zuneigung. Ebenfalls ungeachtet dem Willen des Kindes. Auch das ist übrigens Gewalt, weil Zwang.

Mittag – Schön schlank

Mit dem Heranwachsen unterschieden mein Geschwister und ich uns nun deutlicher, wenn auch nicht dramatisch – ich blieb denkbar dünn. Ich las zwei wichtige Bücher über Magersucht, und war immer überzeugt, dass ich es soweit nie würde kommen lassen – die Nähe zum Tod machte mir große Angst, viel mehr noch fürchtete ich, nicht wichtig genug zu sein, um posthum noch in Erinnerung zu bleiben. Mit der dünnen Silhouette blieb ich vermeintlich bemerkenswert, vor allem aber sichtbar. Lange hielt ich an der Familiensaga der „guten Gene“ fest.

In Wahrheit ging ich oft hungrig ins Bett.

Der Hunger und ich, wir wurden Freunde. Er war ein zuverlässig wiederkehrender Ersatzschmerz für all das, was mir sonst so weh tat in dieser Zeit. Für all das, was ich nicht bekam, wonach ich hungerte. Damit konnte ich punkten, damit fiel ich auf. In vielen anderen Bereichen konnte ich nach den Maßstäben der Omas nicht mithalten, da war ich einsame Spitze: „schön schlank“.

Ich habe ein Bild aus dem Abiturjahr in meiner Fotokiste, das Abitur ist jetzt 10 Jahre her. Ich habe aus heutiger Sicht das Gefühl, ich sei eine leere Hülle gewesen – so sehr darauf konzentriert, schlank zu sein und zu bleiben, dass nicht viel mehr von mir zum Vorschein kam. Den Rest lernte ich zu verstecken, ich gewöhnte mir an, nur in Halbsätzen zu sprechen. Zu oft hörte ich trotzdem noch, „Das hast du doch schon erzählt!“, oder „Du erzählst mir das heute schon zum x-ten mal.“ Dass es nie zum zweiten Teil des Satzes kam, blieb ein Problem. So z.B., als ein Freund starb, und meine Eltern keine Ahnung hatten, von wem ich sprach.
Auch fiel der Satz, „Ich hab mein Kind nicht wiedererkannt“, als ich meine (hinter der Zimmertür etablierten) Englischkenntnisse unter Beweis stellte und damit bei einem Familientreffen für funktionierende Kommunikation sorgen konnte. Das war drei Jahre nach meiner Suizid-Drohung und wenige Wochen nachdem meine Welt so heftig erschüttert worden war, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war.
In dieser Zeit verlor ich im Grunde die Haftung der familiären Basis, das war aber lange, bevor ich Flügel hatte, um losfliegen zu können. Emotional kippte ich einfach um, blieb lange liegen, und brauchte massiv viel Kraft, um wieder aufzustehen.

Kaffee – Studium und Emanzipation

Der Neuanfang in einer größeren Stadt, und auch ein Jahr später dann der Neuanfang in einem anderen Land, brachten eine völlig neue Möglichkeit mit sich: Ich konnte das Blatt mit meinem Namen drauf völlig neu beschreiben! Endlich die Freiheit, dass keine Person, die mir begegnete, schon irgendwen aus meiner Familie kannte! Ich konnte entscheiden, was wer wann von mir erfuhr, wie ich das Bild, was andere Personen von mir hatten, gestalten wollte.
Nur ergab sich damit ein Problem: Wer bin ich eigentlich?
An der Uni fand ich zunächst Gleichgesinnte, die auch statt in der Disco in Jane Austens Welt eingetaucht waren. Es tat gut, nicht allein zu sein, und endlich mehr Austausch darüber zu haben, ich fand sogar richtige Freundinnen. Als der erste Frühling kam, war ich in der Stadt zuhause, war angekommen. Nach dem Ausland gab es noch einen heftigen Rückschlag, ich war noch tiefer in die Selbstzweifel gestürzt, und es wurde viel von dem zerstört, was ich mal gewesen sein musste. Damit begann auch die Suche nach einem Therapieplatz, weil ich wusste, dass es irgendwann nicht mehr gehen würde, da lag noch so viel Unentdecktes. Immer noch definierte ich mich hauptsächlich über das Äußere, und das, was andere von mir dachten. ´

Ich spürte Schmerzen besonders stark, ich fühlte sehr leidenschaftlich, war besonders sensibel, teilte aber mit Schmackes aus, wenn mir etwas nicht passte. Dass genau diese Ambivalenz mich lange prägte, macht mir auch heute noch zu schaffen.

Abendbrot – Mutterschaft und nicht aller Tage Abend

Der bisher heftigste Wendepunkt in meinem Leben ist nach wie vor die Schwangerschaft und die Geburt meines Kindes. Sie markieren einen sogenannten „point of no return“, eine unumkehrbare Sicht auf die Welt. Die Tragweite der Desillusionierung in Bezug auf mich selbst, meine Unfehlbarkeit, meine Sicht auf Elternschaft und Familie, hätte ich ohne all diese Aspekte meiner jetzigen Realität nicht ertragen. Ich wuchs auf in einer Familie, in der es nicht darum ging, Recht zu haben – sondern rechter zu haben, als alle anderen. Konflikte wurden schlagkräftig oder mit Türen knallen und (in dem Sinne auch) Kontaktabbruch beendet (aber eben nicht gelöst). Mit diesen Voraussetzungen, und keiner wirklich ernsthaften Beziehung zuvor in das Abenteuer Familie zu starten, und auch zu erwarten, dass alles „einfach so“ passt (nachdem gefühlt nie jemals irgendwas einfach geklappt hatte), war schlicht naiv, aber gut, inzwischen komme ich mit meiner eigenen Fehlbarkeit deutlich besser klar. Es hat lange gebraucht, bevor ich mich wenigstens meiner als Vertrauensperson etablierten Therapeutin ein wenig öffnen konnte. Es hat viele Schritte gebraucht, bis ich ihr gegenüber nicht mehr versuchte, ein schöneres Bild von mir zu malen; denn das versuchte ich bei mir selbst ebenfalls viel zu lange.
Die schwerste Aufgabe, die sie mir stellte, war, mich vor den Spiegel zu stellen, mich selbst anzuschauen, und mir bewusst zu machen, was ich sehe – über die Hülle hinaus. Ich brach die Übung ab und malte stattdessen ein Bild.

Mir fiel und fällt es schwer, mich von mir aus zu beschreiben. Das hat sich einmal mehr gezeigt, als ich im Bewerbungsprozess immer wieder neu formulierte, immer öfter beschreiben musste, was ich alles kann – und wie so oft fehlte mir der Nachweis. Das stand ja alles nirgendwo, ich hatte keine Arbeitszeugnisse, und zählte bloggen eigentlich schon als Schreibroutine? Lange, ausufernde Sätze machen meinem Gegenüber oft schwer, nachzuvollziehen, was ich sagen will, und ich fürchte fast, ich traue mich nicht. Die langen Sätze waren übrigens auch ein Problem in der Masterarbeit. Textformen wie Tweets sind daher eine gute Übung, Dinge knapp formuliert auf den Punkt zu bringen.

Von aufgezwungenem Essen, über heimliche Verweigerung von Nahrung bis hin zum nicht (v)ertragen von bestimmten Dingen – mein Lebensweg ist immer wieder gespiegelt im Essverhalten, das ich derzeit an den Tag lege. Jetzt, wo ich mehrere Stunden täglich außer Haus und in Gegenwart anderer Menschen bin, fällt mir auf, dass die gefühlte Beobachtung mich zu einem besseren Essverhalten bringt – und gleichzeitig macht es mir klar, wie geschickt meine Mechanismen gewesen sein müssen, um in der Familie und in der Schule nicht aufzufallen, wenn ich Essen reduzierte, ganze Mahlzeiten gar ausfallen ließ.
Dabei liebe ich gutes Essen, bin froh, wenn ich frisch Gekochtes unter der Nase habe und inzwischen genieße ich auch Lebensmittel, die ich früher gemieden habe. Das Mäkeln mag auch eine Form der Aufmerksamkeitssuche gewesen sein, wenn auch die Reaktionen durchweg negativ waren – es war eine zuverlässige Taktik. Hunger wurde für mich Ausdruck meines emotionalen Mangels, nicht erhaltenes („falsches“) Essen ein Ausdruck von mangelnder Fürsorge. Kein Wunder also, dass ich mich gern bekochen lasse – was ich auch „erschummele“, indem ich das Essen zubereitet kaufe. Meine Liebe zu besonders asiatischem Fast Food erschließt sich damit auch jetzt erst für mich.

Mitternachtssnack – Wie wird es weiter gehen?

Erst in der Schwangerschaft hatte ich das Gefühl, endlich unbeschwert essen zu können – wurde aber direkt gemaßregelt, dass ich wegen des Gewichts aufpassen müsse, dass ich das hinterher auch wieder loswürde.
Warum eigentlich?! Ist denn ein Körper nach der Schwangerschaft nicht ohnehin ein anderes Zuhause für uns selbst? Ist nicht ein Prozess so massiver Veränderung genau das, was uns zu neuen Menschen machen kann?
Mein Körper fühlte sich lange überhaupt nicht gut an, viel länger noch, als ich es zugeben wollte. Nach der Geburt haderte ich fast 3 Jahre mit mir, es hatte mir sehr zugesetzt. Im Moment fühle ich mich wohler denn je, bin mir selbst näher gekommen, und lerne auch immer wieder, dass Hochglanzmagazine keine Realität abbilden. Das bin ich nicht, das will ich gar nicht (mehr) sein. Und ich glaube auch nicht mehr, dass das irgendwen etwas anginge, außer mich selbst. Über die Prägungen aus der Heimat und der Familie heraus hatte sich eine juckende, reizbare, unkuschelige Hülle von menschlichem Anschein gebildet, der ich nun jeden Tag ein bisschen mehr Leben einhauche. Jeden Tag versuche ich, ein wenig mehr von dem freizulegen, was darinnen noch zu finden ist. Jeden Tag entferne ich mich damit auch ein Stück von meinem Ursprung.

Dass ich inzwischen keine Milch mehr vertrage, und damit also auch Kartoffeln und Quark so nicht mehr genießbar sind, ist dann wohl mehr als eine Ironie des Schicksals.

Falls ihr Maike unterstützen wollt, gebt ihr doch einen Kaffee aus, sie freut sich sehr darüber:

https://ko-fi.com/mamahuhn

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