Kapitel 2: Die Näherin in Wiesental

Maike spannt uns nicht länger auf die Folter und wir dürfen lesen, wie es weitergeht mit der Fee Rina:

Mit jedem Jahr, das verstrichen war, wiegte Rina sich in mehr Sicherheit. Sie legte ein Beet an für
die Kräuter, ein weiteres für Gewürze und eines für Gemüse. Das Obst einiger Bäume fand sie am
Wegesrand zwischen zwei Dörfern. Sie hatte es sich angewöhnt, in den frühen Morgenstunden oder
erst vor Sonnenuntergang ungesehen durch das Dickicht zu streifen, das sie inzwischen so gut
kannte, wie ihre Westentasche. Ihre Röcke waren inzwischen voller Flicken und dennoch scheute
sie die Menschen. Ihre Vorräte an Stoff und Garn waren inzwischen beinahe erschöpft und so würde sie wohl nicht umhin kommen, einen Markt zu besuchen. Sie hatte längst aufgehört, die genauen Tage zu zählen.
Damals, mit dem kleinen Kind im Haus, war ihr das wichtig erschienen, doch nun war es das nicht
mehr.
Sie band ihre Schürze um den Bauch, als sie das Haus verlassen wollte, doch da riss ihr das Band.
Es war nicht das erste mal und nun war langsam das Maß erreicht, an dem es nicht mehr zu
reparieren war.
Rina mochte Abhängigkeiten nicht, und erst jetzt war sie das erste mal seit etlichen Jahren auf jemand anderen angewiesen. Sie seufzte, legte die Schürze wieder an ihren alten Platz, und griff stattdessen nach der Bürste. Sie wusste um die drei Dörfer im weiteren Umkreis und war heilfroh gewesen, dass sie bisher alles allein geschafft hatte. Sie wusste nicht genau, in welche der Siedlungen sie gehen sollte, um nach einer Näherin zu fragen, wollte es aber in der größten versuchen, die am nächsten gelegen war: Wiesenthal.

Als sie ihre Haube aufgebunden hatte, hörte sie draußen schon das Rascheln des Amselmännchens, das vor zwei Jahren in die Himbeersträucher eingezogen war, und nun das dritte mal sein Nest dort herrichtete. Sein Weibchen war im letzten Herbst der Katze zum Opfer gefallen, die ihre Streifzüge um das Haus machte, seit Rina hier wohnte. Oft auch versuchte sie, mit hinein zu kommen, doch Rina wehrte sich ein wenig gegen das
noch so schöne Tier. Die schneeweiße Brust strahlte ihr von weitem schon entgegen, das restliche Tier fast ganz schwarz, bis auf Vorderpfoten und hinten weiße Stiefel. Die zarte Nase war ebenfalls weiß und ein sanfter Kontrast unter den gelbgrünen Augen. Rina hatte das Tier Mimi genannt und darauf hörte sie auch.

Auch wenn Rina Katzen sonst als eigensinnige Tiere kannte, war Mimi ein wenig anders in Allem. Vielleicht wie sie selbst, und sicher spürte das Tier ihre Gemeinsamkeit in der Hinsicht auch.
Sie trat vor die Tür und zu ihrer Überraschung saß ein neues Weibchen im Amselnest. Hatte er
doch eine neue Dame gefunden, der kleine Kavalier.
Nun gut, sie brauchte noch etwas, mit dem sie eine Näherin zum Tausch eines neuen Bandes überreden konnte, und holte einige Kräuter aus dem Beet. Sie band sie zu einem kleinen Sträußchen zurecht und sog den Duft kurz ein. Der Thymian blühte, die Pfefferminze war üppig gewachsen und der Beifuß überströmte sie mit seinem herben Duft. Sie pflückte noch Ringelblume, Brennessel und Frauenmantel und hatte damit alles beisammen. Kurz überlegte sie, ob das genug sein würde, machte sich dann aber auf den Weg, den sie sonst leichteren Fußes beschritt.
Sie war ein wenig aus der Übung, was das Menschenlesen betraf, schließlich hatte sie in letzter Zeit nur Tiere zu Gesicht bekommen. Ein wenig hoffte Rina, dass ihr das auch geholfen hatte. So war sie unvoreingenommener, was die Stimme und Stimmung eines jeden Menschen anbelangte, auch wenn sie es kommen sah, dass sie danach von all den Eindrücken sehr erschöpft sein würde.
Es half nichts, sie musste den Weg gehen, denn ewig hielt sie es sicher nicht mehr allein aus und bevor sie wirklich auf Hilfe angewiesen war, wollte sie sich bemerkbar machen – Sichtbar werden, nach all der Zeit allein.
Als sie den kleinen Bach an der gewohnten Stelle überquerte, bückte sie sich kurz, um sich Gesicht und Hände zu waschen, und entdeckte ein paar Kaulquappen im seichteren Gewässer nahe der Aue. Der Weg war heute nicht nur beschwerlicher, er war auch deutlich länger als sonst.
Schließlich aber erreichte sie den Saum des Waldes und blieb noch einmal stehen. Sie wusste, dass auch inn diesem Ort Kinder lebten, und das Dorf schien ihr freundlicher als ihre vormalige Gemeinschaft. Vielleicht war der Weg über die Kinder etwas einfacher – Kinder hatten Rina schon immer angesehen, als wüssten sie genau, dass von ihr keine Gefahr ausging. Kinder sahen in ihr die offenen Augen, hörten ihre Worte deutlicher und waren einfacher und damit verständiger als die großen Menschen, die allzu oft nicht sagten, was sie meinten.

Rina sah den Großen ihre Stimmung an, ihren Grundcharakter, – aber sie verstand nicht, was es nützte, einander nicht ehrlich zu sagen, was sie dachten. Das war wohl auch einer der Gründe, wofür sie viele Menschen bisher verachtet, oder gar gehasst hatten; sie sagte, was ihr nicht passte und warum.
Sie hatte damals in Brunnenhof mit den Töchtern des Korbflechters geübt, nicht alles auszusprechen, was ihr auf der Zunge lag.
Bald schon entdeckte sie die erste Gruppe Kinder am Rande einer Viehweide. Die letzten Jahre
mussten üppig gewesen sein, die Tiere standen gut im Futter. Auch die Kinder sahen wohlgenährt
aus. Einige rannten herum, einige spielten am Boden. Ein einzelnes saß auf einem Zaun. Verträumt
schaute es in die Ferne, einen Blumenkranz auf dem Haar, wie ihn früher schon Kinder um Rina
herum getragen hatten. Sie näherte sich behutsam, aber beiläufig. Das einzeln sitzende Kind drehte
sich langsam zu ihr um und sah sie aus großen, undurchdringlich brauen Augen an. Eine Brise des
Frühlingswindes wehte dem Kind eine blonde Strähne ins Gesicht.
„Woher kommst du?“, fragte das Kind.
„Ich komme aus dem Wald.“, erwiderte Rina.
„Wohnst du in dem Wald?“, fragte das Kind weiter.
„Ja, ich wohne in dem Wald.“, erwiderte Rina.
„Magst du Tiere?“, wollte das Kind wissen.
Rina lächelte. Die Kinder hatte sie wirklich vermisst. „Ja, Tiere mag ich sehr gern.“
Das Kind schaute auf ihren Rock. „Dein Rock ist alt.“
Rina nickte. „Ja, mein Rock ist alt. Ich suche jemanden, der mir hilft, ihn zu reparieren.“
Das Kind glitt in einer Bewegung vom Zaun. „Komm, ich zeig dir das Haus von unserer Näherin!“
Rina ließ die ausgestreckte Kinderhand für einen Moment lang nicht aus den Augen. Auf dem Daumen war ein kleines Muttermal ähnlich einem, das sie schon einmal gesehen hatte. Es durchfuhr sie nur kurz und doch fasste sie Mut und reichte dem Kind ihre Hand. Mit dem Kontakt blickte das Kind sie wieder an. Eine lang ersehnte Wärme durchschoss Rinas Arm und fuhr ihr mitten ins Herz. Dieses Kind sah sie, wie sie war.
Dieses Kind hatte Augen, die nicht fragten, warum oder wohin – diese Augen wussten all das schon.
Von diesen Kindern gab es nicht viele und hier, gleich beim ersten menschlichen Kontakt, war Rina wieder von einem dieser Kinder gefunden worden.
Dem leichtfüßigen Schritt folgend, durchschossen Bilder Rinas Kopf, die sie längst vergessen geglaubt hatte. Eine Mondnacht, ein Schrei, und ein Verschwinden im gleißenden Sonnenlicht.
Unfassbarer Schmerz wollte sie übermannen. Das Kind drehte sich zu ihr und sah in ihr besorgtes Gesicht.
„Du hast ein Kind verloren.“
Rina nickte stumm.
„War es dein Kind?“, fragte die zarte Stimme.
Sie schüttelte den Kopf. „Es wurde eines Tages von mir fortgerissen.“
„Wo ist das Kind jetzt?“, fragte die Stimme.
Rina seufzte tief. „Ich weiß es nicht.“

Das Kind blieb stehen und ließ ihre Hand los. Es deutete auf die Tür des zweiten Hauses. „Dort wohnt die Näherin. Willst du klopfen?“
Rina war sich für einen Moment nicht mehr sicher, was sie gewollt hatte. Sie starrte ins Leere und besann sich dann. Der Rock, das Band für die Schürze, und natürlich die Kräuter, die sie zum Tausch anbieten wollte. Noch einmal musste sie tief durchatmen. Dann schritt sie auf das Haus zu und wich aber von der Tür zurück. Im nächsten Moment flog diese auf und ein schimpfender Mann trat auf den Platz, fluchte wie der frechste Stallknecht und hieß ein Weib eine unverschämte Betrügerin. Dem Schimpf folgte ein glockenhelles Lachen und eine rüstige Frau erschien im Rahmen, die dem Mann ein paar Wiederworte hinterher warf. Ihr Blick fiel auf Rina und verharrte dort interessiert, aber nicht neugierig. „Du warst noch nicht hier.“
„Nein“, erwiderte sie prompt.
„Hast du sie her gebracht?“, fragte die Frau das Kind.
Dieses nickte. „Ihr Rock ist alt.“
Mit einer hochgezogenen Augenbraue und einem Nicken musterte die Näherin Rinas Rock. „Du brauchst einen neuen.“
Rina fand nur langsam wieder die richtigen Worte. „Ich wollte ein neues Band eintauschen für meine Schürze.“
Die Näherin kam ihr noch zwei Schritte entgegen – langsam, behutsam fast. „Dein Rock ist alt.“
sagte sie nur, und nickte mit dem Kopf in Richtung des Hauses.
Rina folgte der Frau in ihr Haus. Drinnen war es nach dem gleißenden Sonnenlicht von draußen zunächst viel zu dunkel, Rinas Augen streikten kurz nach dem abrupten Wechsel. Als sie mühsam blinzelte, deutete die Frau bereits auf einen Stuhl, der im Raum stand. Neben dem Stuhl, auf den Rina sich setzte, stand ein Schrank und diesen öffnete die Frau nun.
Neugierig beugte sich Rina vor, um ihr über die Schulter zu schauen und einen Blick auf das Herz des Eichenstücks zu werfen. Vor ihren Augen tat sich eine Farbenpracht auf, die sie so lange nicht gesehen hatte.
Die Näherin drehte sich mit einem breiten Lächeln zu ihr. „Woher kommst du?“
Rina musterte die Frau vor sich: Halb auf dem Boden hockend verbreitete sie dennoch eine warme Präsenz in diesem gemütlichen Heim, an dessen Wänden der Putz liebevoll bemalt worden war, und in dem ein stabiler Tisch stand, auf dem so viel Platz war, und dennoch jetzt gerade nur ein Krug mit frischen Wiesenblumen stand.
„Ich komme aus dem Wald.“, erwiderte sie langsam.
Die Näherin erhob sich. „Dort hast du doch aber nicht immer gelebt.“, stellte sie nüchtern fest, ließ die Schranktüren offen stehen und stützte eine Hand auf den Tisch, die andere in die Hüfte. „Die Geschichten um die Frau im Wald ziehen schon länger durch die Dörfer. Manche sagten, es gäbe einen Waldgeist, andere behaupten, du wärst eine Fee.“
Mit dem Wort Frau, einem Menschenwort, war Rina gewachsen und saß nun kerzengerade auf ihrem Stuhl. Die beiden musterten sich stumm und respektvoll. Was hatte die Näherin wohl erwartet zu sehen? Rina wählte ihre Worte sorgsam aus, bevor sie sie sprach. „Was denkst du, bin ich ein Waldgeist, oder eine Fee?“
Ein mildes Lächeln schlich sich in das Gesicht ihres Gegenübers. „Ich denke, die Geschichten sind älter, als du aussiehst.“
Rina nickte stumm. Sie war bei einer klugen Frau eingekehrt.
„Hast du einen Namen, Fee aus dem Wald?“, fragte sie.
„Es gab eine Zeit, in der man mich Rina nannte. Den Namen habe ich selbst nicht gewählt, aber auch keinen anderen.“
Die Näherin nickte. „Rina. Dann werde ich dich auch so nennen. Ich heiße Enna.“
Rina lauschte gespannt auf diesen neuen Namen. Sie hatte ein gutes Gefühl bei Enna, sie würden sich gut verstehen. Vielleicht ließ sich so auch eine Anlaufstelle etablieren. „Enna, ich bin hier, weil ich ein neues Band für meine Schürze brauche.“, wiederholte sie ihr Anliegen.
Enna sah sie an. „Du brauchst so viel mehr, als nur ein Band. Den Geschichten nach bist du lange
allein durch den Wald gestreift, deine Sachen müssen längst verschlissen sein.“

Falls ihr Maike unterstützen wollt, gebt ihr doch einen Kaffee aus, sie freut sich sehr darüber:

https://ko-fi.com/mamahuhn

1 Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s