Von Laissez-faire, Helikoptern, Bedürfnisorientiert und Unerzogen…

Dieser Artikel brennt mir schon länger unter den Nägeln.

Meine Leser*innen hier und bei Twitter wissen, dass ich grundsätzlich auf der bedürfnisorientierten Schiene unterwegs bin. Das ist online zwar ganz toll, weil ich dort viel Rückhalt habe und viele andere Menschen, die das ebenfalls machen, offline bringt mich das aber oft in Schwierigkeiten.

Vor allem muss ich mir den Vorwurf gefallen lassen, ich „erziehe“ meine Kinder laissez-faire. Ich bin sicher, der/die eine oder andere kennt das auch.

Dass dies aber das genaue Gegenteil ist von dem, was ich mache und viele andere, will ich hier erklären. Ich hoffe, dass ihr, sollte wieder jemand mit diesem Vorwurf kommen, ein paar Argumente hier für euch findet und euch gut positionieren könnt.

Also, vorab, jede*r Elternteil möchte das beste für seine Kinder, das ist klar (Okay, die meisten, aber genau die spreche ich jetzt an). Und auch die Eltern, die ihre Kinder streng erziehen, vielleicht sogar mit Konzepten von Kast-Zahn oder Winterhoff arbeiten oder, schlimmer noch, nach der Elternschule, wollen nur, dass es ihren Kindern gut geht und sie sich gut in diese Gesellschaft integrieren können.

Dabei wird den Kindern aber jegliche Eigenkompetenz abgesprochen, ebenso wie Handlungsfähigkeiten. Auch eigene Entscheidungen der Kinder werden reguliert und/oder negiert.

Anders sieht es da bei Laissez-faire aus. Wo die einen Eltern zuviel erziehen, handeln die anderen zuwenig. Oder, wie in diesem Fall, überhaupt nicht.

Laissez-faire kommt aus dem Französischen und bedeutet, grob übersetzt, laufen lassen.

Das heisst, die Kinder werden komplett sich selber überlassen. Ich habe früher immer gesagt, es sei ein nettes Wort für Vernachlässigung und nichts anderes ist es. Die Eltern kümmern sich nicht, lassen die Kinder machen, was sie wollen, lassen sie Verwahrlosen und mit allem alleine. Sie geben den Kindern weder eine Struktur, noch einen angemessenen Raum, sich zu entwickeln. Sie haben keine Orientierungspunkte und nichts, an dem sie wachsen könnten. Laissez-faire kann sogar so weit gehen, dass eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, in sehr schlimmen und krassen Fällen sind es die Kinder, von denen wir dann in der Zeitung lesen, weil sie verhungert sind oder nahe dran.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die „Konzepte“ von Bedürfnisorientierter Erziehung und Unerzogen.

Konzepte habe ich deshalb in Anführungszeichen gesetzt, weil es eigentlich keine Konzepte sind, sondern die Konsequenz dessen, wie wir mit den Kindern umgehen, wenn wir sie sehen als das, was sie sind: vollwertige Menschen.

Also was genau bedeutet jetzt Bedürfnisorientiert?

1982 wurde der Begriff „Attachment Parenting“ von William Sears, einem amerikanischen Arzt der Kinderheilkunde und seiner Frau, Martha geprägt, nachdem sie sich mit verschiedenen Konzepten über Kindererziehung auseinander gesetzt hatten.

Der Kern dieser Lebensweise ist, sich auf die Bedürfnisse des Kindes einzulassen und sie, soweit möglich, zu erfüllen. Also zB bei Babys bedeutet dies sehr viel Nähe, Stillen nach Bedarf und bis das Kind sich von alleine abstillt, tragen im Tuch, nicht schreien lassen, nicht alleine schlafen lassen etc.

Bei größeren Kindern ist es die Kommunikation auf Augenhöhe und das Erkennen der Bedürfnisse hinter dem Verhalten. Also, wenn das Kind wütend ist, auf diese Wut eingehen, Verständnis zeigen, Lösungen suchen, statt das Kind aufs Zimmer zu schicken, bis es sich beruhigt hat.

Auch die Bedürfnisse nach Autonomie sollten erfüllt werden. Alles, was das Kind lernen will zu begleiten, wenn nötig zu unterstützen und nicht erwarten, dass das Kind, nur weil es bereits X Jahre alt ist, dies nun kann.

Grundsätzlich ist es wichtig, das Kind zu sehen. Die Not zu sehen, wenn es weint oder gerade aus seiner Wut nicht heraus kann. Zu sehen, warum es bestimmte Verhaltensweisen zeigt, wie zB plötzliches zubeissen. Statt zu strafen und zu schimpfen, ist es besser, sich zu fragen, was dieses Verhalten ausgelöst hat. Bei meinen Kindern waren es die Zähne, die dazu geführt haben. Aber auch sogenannte „Liebesbisse“. Das sind Zeichen der Zuneigung, da die Kinder noch nicht reden konnten, aber in dem Moment sehr viele positive Gefühle hatten, die sie nicht mitteilen konnten, also haben sie sie so rausgelassen. In so einer Situation mit Strafen und Wut zu reagieren, ist fatal. Das Kind wird dann für seine Liebe, die es zeigt, bestraft. Allerdings kann auch einfach Wut oder Frustration ein Auslöser gewesen sein. Es gilt immer, genau auf die Situationen zu schauen und zu hinterfragen, was der Auslöser war.

Selbstverständlich muss sich niemand beissen oder sonstwie wehtun lassen. In der bedürfnisorientierten Erziehung kommt in dem Moment die Augenhöhe zum Tragen.

Also, schauen, was war der Auslöser?

Wie kann ich mich schützen?

Wie kann ich dem Kind, ohne Gewalt, erklären oder zeigen, dass es mir wehtut und es andere Möglichkeiten gibt? Denn die gewaltlose Kommunikation ist ebenso ein Grundpfeiler, wie die anderen, oben genannten, Dinge.

Als Beispiel:

Ihr seid in der Küche und macht dort irgendwas. In der Zeit „klaut“ euch das Kind euer Tablet, setzt sich drauf und will damit durch die Wohnung rutschen.

Ihr verbietet es bzw bittet das Kind, dies sein zu lassen und bevor ihr erklären könnt, warum, beisst euch das Kind.

Was war also der Auslöser?

Klar, das Verbot. Das Kind wurde wütend und wusste nicht, wohin mit der Wut. Also biss es zu.

Wir könnt ihr euch schützen?

Wenn das bereits öfter vorkam, kennt ihr die Anzeichen. Da hilft es, einen Schritt zurück zu gehen und etwas Abstand zu wahren. Geht es aber immer wieder auf euch zu und will beissen, nehmt euch ein Kissen oder Kuscheltier oder irgendwas, was in der Nähe ist, wo das Kind draufbeissen kann. Kommuniziert das auch so: „Ich sehe, du bist wütend, ich will mich aber nicht beissen lassen, das tut mir weh. Nimm dieses Kissen etc dafür.“ Ihr habt in dem Moment das Kind gesehen, also wahrgenommen, die Gefühle gespiegelt, die es nicht benennen konnte und ihm so gezeigt, dass ihr da seid und ihm geholfen, seine eigenen Gefühle zu verstehen.

Meistens funktioniert das.

Das ist auch gleichzeitig die Erklärung für das Kind, aber dies kann es in dieser Wut nicht verstehen. Da ist im Gehirn erstmal komplett alles blockiert. Also gilt für euch: aushalten, begleiten und euch schützen. Sobald das Kind es zulässt, könnt ihr es auf den Schoß nehmen und trösten.

Wenn es sich dann beruhigt hat, ist es wieder Aufnahmefähig. Dann schaut ihr ihm in die Augen, nehmt die Hand oder berührt es anderweitig vorsichtig (das lenkt seine Aufmerksamkeit zu euch) und erklärt ruhig und liebevoll, warum ihr nicht wollt, dass es mit dem Tablet durch die Wohnung rutscht. Bietet ruhig Alternativen an, ein Kissen zum Beispiel oder ein Blatt Papier. Bleibt dabei wertschätzend und respektvoll.

Wenn es möglich ist, erklärt ruhig nochmal, warum ihr nicht gebissen werden wollt, bietet auch da Alternativen an.

Bei diesen Liebesbissen habe ich auch immer erklärt, dass mir das wehtut und als Alternative gezeigt, dass sie mich umarmen können, ganz fest. Ich habe es vorgemacht und sie ganz fest gedrückt, das fanden sie sogar sehr lustig und gingen mit einem positiven Gefühl aus dieser Situation. Tatsächlich haben sie genau das nachgemacht.

Natürlich geht das alles nicht von heute auf morgen, aber wie schnell lernt ihr denn etwas neues? Auch wir Großen brauchen oft mehrere Wiederholungen, bis etwas sitzt. Das gilt auch für Verhaltensweisen.

Grundsätzlich gilt also bei Attachment Parenting immer, Wertschätzung und Respekt gegenüber dem Kind zeigen und haben, seine Grenzen achten, die Bedürfnisse stillen, auch die, die auf den ersten Blick nicht so offensichtlich sind, dem Kind auf Augenhöhe begegnen und ihn als ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft ansehen. Darüberhinaus sollte die eigene Macht, die wir als Eltern haben, nicht missbraucht werden.

Aber, auch die eigenen Grenzen und Bedürfnisse sind wichtig. Ein sehr großes Missverständnis beim Attachment Parenting ist ja, dass viele Eltern nur noch auf die Bedürfnisse der Kinder achten, sich selber dabei komplett hinten anstellen und schnell in einen Burnout rutschen.

Das muss garnicht sein. Es geht dabei um die Bedürfnisse aller Beteiligten Menschen. Die Bedürfnisse der Eltern gelten genauso, wie die der Kinder. Klar, dass, je jünger die Kinder sind, desto mehr müssen wir auf sie eingehen und desto schneller, aber kein Mensch ist für immer ein Baby. Und dass besondere Kinder, die Be_hindert sind, andere Bedürfnisse haben und anders auf sie eingegangen werden muss, als Kinder, die keine Einschränkungen haben, ist, denke ich, ebenfalls klar.

Trotzdem gelten in allen Fällen alle Bedürfnisse. Wichtig ist dabei, sich andere Menschen ins Boot zu holen, soweit möglich. Ich kenne es selber, wie es ist, ganz alleine mit allem zu sein und da kann ich nicht immer zu 100% alle Bedürfnisse sofort erfüllen. Andere Eltern, die einen tollen Background haben und viel Unterstützung erhalten, werden das besser machen können. Aber auch das gehört dazu. Niemand von uns ist perfekt und unsere Kinder sind intelligent und merken von sich aus, was geht und was nicht.

Wichtig ist einfach, es so gut es eben geht zu erfüllen. Perfektion erwartet niemand. Wir alle sind Menschen, wir alle machen Fehler und haben mal gute und mal schlechte Tage. Es kommt auch bei den geduldigsten, liebevollen und ruhigsten Eltern vor, dass sie Nerven zeigen. Das darf auch so sein. Niemand hat was davon, wenn wir unseren Kindern eine heile Welt vorspielen, denn erstens merken sie es eh, zweitens ist es nicht authentisch und drittens trauen sie sich vielleicht selber irgendwann nicht mehr, ihre Gefühle offen zu zeigen. Wichtig ist nur, dass wir zu dem stehen, was wir getan haben und dafür auch die Verantwortung übernehmen.

Kommen wir also zum nächsten Thema, Unerzogen.

Die Grenzen zwischen Unerzogen und Bedürfnisorientiert sind sehr schwammig. Bei beiden steht die Augenhöhe und das vollwertige Kind im Vordergrund. Selbstverständlich auch dessen Bedürfnisse.

Unerzogen geht dabei noch einen Schritt weiter und setzt sehr viel auf Selbstregulation.

Das heisst, das Kind bestimmt selber, wann es ins Bett geht, wie lange es Fernsehen o.ä. schauen darf, wie oft es Süßigkeiten bekommt etc.

Während bei der Bedürfnisorientierten Erziehung noch (ein wenig ) reguliert wird, weil wir Eltern es besser wissen (oder es uns zumindest einbilden), wird dort wenig von aussen reguliert. Dabei wird aber, anders als bei Laissez fairez, das Kind nicht alleine gelassen, sondern immer begleitet. Aber auch da gilt, dass es jede*r anders macht.

Da, wie gerade erwähnt, die Grenzen aber sehr schwammig sind (nicht zu Laissez fairez, da sind sie klar), gibt es „nur“ diesen Unterschied. Viele Eltern die Bedürfnisorientiert erziehen, machen auch das, was die Eltern bei Unerzogen machen. Weil beide das Kind bereits als fertiges Mitglied der Gesellschaft sehen, das weder geformt noch gepresst werden muss. Das Kind muss sich nur als der Mensch entfalten, der es bereits ist. Und dafür wird es begleitet.

Denn natürlich weiss ein Kind nicht, wie gefährlich eine Strasse ist. Niemand würde sein Kind einfach so darüber laufen lassen. (Das höre ich ja auch sehr gerne bei diesen Themen).

Es weiss nicht, dass es sich an einer heissen Herdplatte verbrennen kann oder mit heissem Wasser verbrühen etc. Deshalb braucht das Kind Begleitung.

Und was ist mit Grenzen? Ich höre oft, dass bei diesen Lebensweisen den Kindern keine Grenzen aufgezeigt werden und sie tun und lassen können, was sie wollen.

Das ist aber Quatsch. Wie schon gesagt, gibt es Dinge, bei denen das Kind beschützt werden muss, das ist eine natürliche Grenze. Ebenso sollten auch die Bedürfnisse der Eltern beachtet werden, auch da gibt es Grenzen. Es ist aber ein Unterschied, ob es natürliche Grenzen sind, oder von mir gemachte.

Zum Beispiel:

Das Kind tobt auf mir rum und tut mir dabei weh. Da ziehe ich eine Grenze und sage, dass ich das nicht will und warum. Hört es trotzdem nicht auf, beende ich das Spiel. Ich kommuniziere klar, warum ich das nicht mehr will und schlage etwas anderes vor.

Wenn das Kind aber etwas will, wie zum Beispiel kneten, frage ich mich immer, ob da gerade etwas gegen spricht, oder ob nur ich das gerade nicht will, weil mir das zuviel Arbeit ist und ich gerade geputzt habe.

Oder es will einen Lutscher, lasse ich das Kind noch einen essen, obwohl es schon 3 hatte, oder nicht?

Bei Unerzogen und Bedürfnisorientiert wird da klar unterschieden. Die Grenzen sind aber nicht fix, das heisst, sie verschieben sich von Tag zu Tag.

Ebenso wird auch „konsequentes Handeln“ hinterfragt. Muss das jetzt sein, dass das Kind in den Kindergarten geht, oder ist noch etwas Zeit? Vielleicht ist am Montag noch Zeit, am Dienstag aber nicht, weil dort etwas wichtiges ansteht.

Stichwort hier ist Flexibilität in allen Dingen. Was ist wichtiger, das Bedürfnis des Kindes oder meines? Was kann warten, was bringt es, nachzugeben oder bei einem „nein“ zu bleiben?

Und immer Kompromisse suchen, die allen gerecht werden.

Dadurch lernen die Kinder sich selber kennen, sie lernen, dass sie als der Mensch, der sie sind, voll akzeptiert und geliebt werden, dass sie richtig und gut so sind, wie sie sind. Sie werden dadurch selbstbewusst, können sich selber annehmen und wertschätzen und lernen ebenso ihre eigenen Grenzen zu achten und zu respektieren.

Ein Kind, das sich ständig nach anderen richten muss, lernt, sich selber nicht wahrzunehmen und zu wissen, wo die Bedürfnisse sind.

Sehr viele Eltern haben Angst, ihr Kind zu verziehen, aus ihm einen „Tyrannen“ zu machen, wenn sie so handeln. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall.

Kinder zeigen das, was sie im Umfeld gelernt haben. Oder sie zeigen ein Verhalten, was im Grunde genommen darauf aufmerksam macht, dass im Umfeld etwas ganz und garnicht stimmt.

Das heisst, diese angeblichen Tyrannen sind nur Kinder, die ein großes Problem haben und das so zeigen. Das hat nichts damit zu tun, dass sie ihre Eltern nicht respektieren, sondern dass sie in Not sind, eben WEIL deren Bedürfnisse nicht beantwortet werden oder ständig übergangen werden. Die Lösung dazu ist mit Sicherheit nicht, noch mehr Macht über das Kind auszuüben und noch weniger auf das Kind einzugehen, nur um ihm zu zeigen, wo der Hammer hängt, sondern das genaue Gegenteil.

Ein Kind, das Bedürfnisorientiert und/oder Unerzogen aufwächst, wird mit Sicherheit kein Tyrann.

Und was war das jetzt mit diesen Helikopter Eltern?

Dazu gibt es einen ganz tollen Artikel von Mamiweb, den ich euch hier ans Herz legen möchte: Wenn Überbehütung krank macht.

Das hätte ich nicht besser schreiben können, deshalb verlinke ich den Artikel hier.

Ich hoffe, ich konnte euch ein paar Ängste nehmen, ein paar Vorurteile aufklären und euch helfen, diese Lebensweisen besser zu verstehen.

Wenn ihr noch fragen habt oder weitere Ergänzungen, schreibt es gerne in die Kommentare.

Alles Liebe,

eure Mel ❤️

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s