Warte Schatz, Mami raucht schnell eine

Ich hasse diesen Satz.

Ganz ehrlich, aus tiefstem Herzen und mit ganzer Seele. Das schlimmste daran ist aber: ich sage ihn selber. Oft genug. Viel zu oft.

Meistens ist es so, dass die Kinder im Garten friedlich spielen und zwei Sekunden nachdem ich meine Kippe angemacht habe, will eines auf den Schoß. Oder Schaukeln. Oder mir die Zwei Meter große Spinne in der Ecke zeigen.

Und jedes verdammte Mal fühle ich mich wie die schlechteste Mutter dieser Erde, weil ich das sage. Wahrscheinlich bin ich das auch.

Rauchende Mütter gehen eigentlich garnicht. Und doch bin ich eine von ihnen.

Verdammt.

Ich habe schon so oft aufgehört und immer wieder angefangen. Zuletzt im September 2017, mit Hilfe von Hypnose. Im Dezember 2018 habe ich wieder angefangen.

Weil ich psychisch und physisch am Ende war. Es ging nix mehr. Zwischen meinem Mann und mir gab es viel Streit, die Kinder haben beschissen geschlafen, sie waren ständig krank und hingen beide auf mir wie Bienen am Honig und ich war mitten drin in einem Depressiven Schub. Ich war also mehr als durch. Auszeiten hatte ich gefühlt garkeine mehr.

Und ich fing an, meinen Mann zu beneiden. Er ging rauchen und hatte Zeit für sich. Immer.

Er hatte Ruhe. Kein Geschrei, kein Theater, kein Streit, kein Klammern. Einfach Ruhe.

Ich sehnte mich so sehr nach ein paar Minuten von dieser Ruhe und beschäftigte mich immer mehr mit diesem Thema. Das führte dazu, dass ich schmacht bekam. Ist halt ne Kopfsache, dieser Schmacht.

Und irgendwann zündete ich mir eine an. Und konnte nicht mehr aufhören.

Ja und jetzt, ein halbes Jahr später, kotzt es mich schon wieder nur noch an.

Der Gestank, das mega schlechte Gewissen, die Atemnot. Wäh.

Im Juli wird meine Große operiert, ich bin dann mit ihr alleine im KH. Und dann? Soll ich ein frisch operiertes Kind alleine lassen, nur um schnell eine rauchen zu gehen. Und das mehrmals täglich?

Nein. Absolutes No-Go. Davon abgesehen, dass es das eigentlich grundsätzlich für mich ist.

Witzigerweise habe ich den Eindruck, dass rauchende Väter noch eher geduldet werden als Mütter. Das scheint irgendwie normal zu sein. Das ist natürlich extrem unfair, denn egal wer, sobald Kinder im Spiel sind, ist rauchen einfach ein absolutes Tabu. Oder sollte es sein.

Trotzdem ist es noch sehr weit verbreitet, ebenso wie der Glaube, dass Kinder nichts abbekommen, wenn sie nicht gerade daneben stehen oder in der Wohnung geraucht wird. Das stimmt aber nicht, denn der Rauch setzt sich in der Kleidung und den Händen ab und es kommt der so genannte „Dritthand Raucher“ Effekt zum Tragen.

Das heisst, dass das abgelagerte Nikotin noch immer schädlich ist, vor allem für Kinder, die ja doch gerne kuscheln kommen oder ins Bett gebracht werden usw.

Ich bin da eh schon vorsichtig, das heisst, eine Stunde vor dem Schlafengehen rauche ich nicht mehr, sowohl von den Kindern als auch von mir, meine Schlafsachen ziehe ich erst an, wenn ich direkt danach ins Bett gehe und ich wasche mir immerimmer die Hände nach dem Rauchen, mehrmals und vor dem Schlafengehen sogar mit einem Peeling.

Trotzdem ist das Augenwischerei und das weiss ich.

Ich weiss auch, wie viele (vor allem Nichtrauchende Menschen) uns rauchende Mütter be- und verurteilt. Wir sind direkt in der asozialen Schiene und werden abgewertet. Ganz egal, was wir für Mütter und Menschen sind.

Dabei sind wir selbst unsere stärksten Kritiker, leiden unter diesem Mistzeug und dem Eindruck, den es bei anderen hinterlässt (die meisten jedenfalls). Wir wissen genau, was wir uns und unseren Kindern antun.

Aber wir wissen auch, wie irre schwer es ist, damit aufzuhören und deshalb geht es uns noch etwas dreckiger.

Klar, jeder kennt doch den einen oder anderen Nichtraucher, der es von 50 Kippen am Tag von jetzt auf gleich auf Null war. Und der hatte auch niiiiiie Probleme damit. Die gibt es tatsächlich.

Aber das sind ja nicht wir uns deshalb ist dieser Vergleich einfach Bockmist. Und setzt uns noch mehr unter Druck. Und was macht ein Raucher, der unter Druck steht?

Na?

Genau. Er zündet sich erstmal eine an und fühlt sich noch beschissener.

Hilft also nix.

Der gute Wille reicht eben oft nicht aus, wenn die Kinder den ganzen Tag schreien, die Wäsche wartet, der Abwasch Selbstmord begeht, der/die Partner*in meckert, der KiGa anruft weil ein Kind sich übergeben musste, ein paar Rechnungen nach Erledigung schreien usw. Das ist Stress und bei Stress braucht ein Raucher seine Kippen.

Die machen zwar im Grunde noch mehr Stress, aber das wird in dem Moment nicht so wahrgenommen.

Es ist ein Halt, ein Anker, eine winzige Auszeit von dem ganzen Wahnsinn, der sich Leben nennt.

Damit will ich niemanden verteidigen, ich will nur etwas erklären.

Rauchende Eltern sind per se ein No-Go. Aber das wissen sie. Und sie schämen sich sehr dafür. Und ich lege meine Hand dafür ins Feuer, dass die meisten sofort aufhören würden, wenn sie könnten. Sie brauchen nicht noch mehr Druck oder Scham oder Bashing.

Aber vielleicht ein wenig Hilfe. Kinder abnehmen, oder etwas Zeit verschaffen für sie oder einfach da sein. Zuhören. Ohne Urteil. Das wäre doch was, oder?

Ja und ich jetzt?

Für mich ist es absolut undenkbar zu rauchen, wenn ich mit meiner Großen im KH bin. Da gibt es kein wenn und aber. Da muss ich aufgehört haben, Punkt.

Und ich finde, das ist ein guter Ansatzpunkt.

Deshalb „gönne“ ich mir nach unserem Urlaub eine Nichtraucher Hypnose. Ja, die gleiche von 2017.

Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass ich es endlich schaffe.

Für den Rest meines Lebens. (Und dass ich nicht wieder zunehme 😁 aber das wäre noch das kleinere Übel).

Ich werde darüber berichten, wenn ihr wollt.

6 Kommentare

  1. Ich wünsche dir ganz viel Durchhaltevermögen. Hangel dich am besten vom „Nein“ zum nächsten „Nein“. Immer noch ein Nein mehr. Nein, nein, nein. Alles Gute!

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  2. Ich finde, dass Du viel zu selbstkritisch bist. Ich habe auch nie gerne vor meinen Kindern geraucht und habe es meist auf die Zeit auf Arbeit und abends geschoben. Aber es ist definitiv nicht schädlicher, wenn du rauchst, als wenn Dein Mann es tut. Wenn Du also vor dem schlafen gewaschen und umgezogen bist, solltest Du Dir da wirklich keinen Kopf machen, finde ich.
    Was ich traurig finde, ist dass wir Mütter uns den Männern immer so unterordnen müssen. Der Mann darf rauchen und saufen, während die Frau geduldig daneben sitzt und ihm am besten noch eine Flasche Bier nach der anderen reicht? Also bitte… Das bedeutet nicht, dass beide sich laufend wegschießen sollten. Wir haben uns damit immer abgewechselt und einfach nicht übertrieben 🤷‍♀️
    Alles Gute dir und viel Erfolg bei deiner Entscheidung!
    Viele Grüße
    Wioleta von http://www.busymama.de

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