Kapitel 3 – Der Fremde

Juhu, endlich geht es weiter mit der tollen Geschichte von Maike. Wenn ihr die ersten beiden Teile noch nachlesen wollt, bitte sehr: Teil Eins und Teil Zwei.

Die Zeit bei Enna war wie im Flug vergangen und die Dunkelheit wollte schon hereinbrechen, als Rina sich auf den Heimweg machte. Die Kräuter hatte Enna gern genommen, auch wenn sie einen eigenen kleinen Garten hinter ihrem Haus pflegte. Rina hatte diesen begutachtet, ihr gezeigt, wo neue Pflanzen besser wachsen würden, und wo sie am besten einen kleinen Teich anlegte für allerlei kleine Tiere, die von den Weiden und Feldern hier einkehrten.

In Ennas Garten ragte ein Kirschbaum knorrig über die Hecken, die eine Grenze zum nächsten Feld zeichneten. Der Kirschbaum hatte in den letzten Jahren nicht allzu gut getragen, was Enna sehr bedauerte, aber nach Rinas Kenntnis lag das nicht am Einfall des Sonnenlichts. Sie sah sich die Blüten an. Nur wenige konnten bestäubt worden sein, denn ihre Kronblätter hingen noch beharrlich an den Fruchtknoten. Als sie das laut denkend festgestellt hatte, suchte sie mit Enna nach einer Schale, die sie ins Fenster stellen und mit Wasser befüllen konnte, sodass die Bienen jederzeit eine gefahrlose Tränke bei ihr fanden. So sollte zumindest ein Teil der Blüten noch zu reifen, roten Früchten werden können.

Enna gab ihr schließlich ein frisches Brot mit, und nahm ihr das Versprechen ab, in wenigen Tagen wieder zu kommen. Sie hatte Rinas Rock ausgemessen und wollte ihr ein schönes Stück fertigen. Außerdem sollte sie eine neue Schürze bekommen, nicht nur ein neues Band. Rina war ganz erfüllt von dieser Begegnung und auch von dem sonderbaren Kind, das ihr den Weg dorthin gezeigt hatte. Was es wohl mit dem Kind auf sich hatte?

Rina erreichte den Saum des Waldes, da zuckte bereits der erste Blitz aus der Ferne über die weiteren Ausläufer des Auenwaldes.

Offenbar war Wiesenthal ein schöner Ort, mit viel Wärme, so wie es ganz früher auch Brunnenhof gewesen war. Ob dessen Bewohner wohl noch lebten?, schoß es Rina durch den Kopf, während sie den Weg zur Hütte raschen Schrittes entlang lief. Ihr Saum verfing sich nicht nur einmal in den Sträuchern, und sie hastete zur Tür, als schon der erste Regen oben ins Blätterdach einfuhr wie ein stürzender Bach und sich über einige Zweige schnell auf ihr Haus ergoss.

Sie hatte die Tür gerade hinter sich geschlossen, als sie ein lautes Maunzen vernahm. Sie öffnete die Tür nochmals für das pitschnasse Katzentier und zum ersten mal war Mimi in Rinas Hütte. Sie holte der Katze ein Tuch, und nur widerstrebend ließ sich das Tier abtrocknen. Endlich trocken, sah sich die Katze neugierig um. Sie machte ein paar unsicher wirkende Schritte und sah dann zu Rina hoch. Diese nickte nur. Mimi schlich sich zur Feuerstelle und schnupperte ein wenig, bevor sie es sich auf Rinas Hocker bequem machte, der einzigen Sitzgelegenheit im unteren Teil des Hauses.

Unter dem Dach hatte Rina ein Lager eingerichtet, mit einer Leiter, die sie so verstaute, dass der obere Teil des Hauses nicht einfach zugänglich war. Das diente vor allem nachts zu ihrem Schutz und hatte sich damit sehr gut bewährt. Rina kniete sich nun neben Mimi auf den Boden und sammelte ein paar Zweige aus dem Raum auf, den sie nach wie vor gern unordentlich verließ. Ein paar größere Äste hatte sie noch in einer Ecke abgestellt und bald schon brannte ein kleines Feuer an der üblichen Stelle. Sie holte auch die starke, dennoch etwas mitgenommene Decke aus ihrem Lager, die sie über eine offene Stelle in einer Ecke des Hauses hängte. Mit der Zeit hatte sie doch etwas mehr ausgebessert, war sich aber nicht sicher, ob sie wirklich hier bleiben konnte. In ihren Gedanken hinein erhob sich Mimi plötzlich und sah zur Tür, dann zum Fenster, dann wieder zur Tür. Sie krümmte den Rücken kurz zu einem Buckel, entspannte sich etwas, legte sich aber nicht wieder hin. Die wartende Haltung der Katze bereitete Rina etwas Sorge, sie ließ sich aber nicht aus dem Konzept bringen, und setzte einen Kessel an, in dem sie ein wenig Wasser mit Gemüse mischte. Mithilfe ihrer eigenen Kräuter hatte sie bald eine schmackhafte Suppe zubereitet und füllte sie in eine Holzschale, die sie dem Tischler in Brunnenhof damals nur mühsam hatte abringen können. Er hatte keine Geschäfte mit ihr machen wollen, war aber auf das Bitten seines Sohnes hin schließlich doch darauf eingegangen.

Draußen donnerte es gewaltig und die Katze zuckte abermals zusammen. Rina konnte sich nicht erinnern, wann das letzte derartig heftige Gewitter über dem Wald getobt hatte. Die Blitze erhellten die Stube viel zu grell und standen im großen Kontrast zum warmen Schein des Feuers. Ein Windstoß fegte den abgewetzen Vorhang von einem der Fenster, und als Rina ihn wieder befestigte, zuckte der nächste Blitz über den schwarzen Himmel und war durch die verbliebenen Lücken im Blätterdach weithin zu sehen. In diesem Bruchteil einer Sekunde, in dem das Licht die dunkle Umgebung schlagartig taghell ausleuchtete, war es Rina, als sähe sie ein Pferd auf die Hütte zutraben. Durch das Dunkel jedoch sah sie nichts, und der direkt folgende Donner übertönte alle Geräusche des Waldes.

Schon manches mal hatte sie ein paar einzelne Hufspuren gesehen, wenn sie heimgekommen war, und im Sommer hatte sie auch die ein oder andere Nacht im Wald unter einem Baum verbracht, sodass ihre Hütte leer gestanden hatte. Über die einzelnen Spuren jedoch hatte sie sich weiterhin keine Gedanken gemacht, weil es nur sehr selten welche zu sehen gab. Sicher war das nur eine Art Trick des Lichts, denn mit dem nächsten Blitz war nichts mehr zu sehen. Der Donner tobte unablässig, und offenbar ergoss sich der Regen fast ausschließlich hier über ihrem kleinen Heim. Rina aß die Suppe am Feuer sitzend, legte dann das Geschirr beiseite und ließ Mimi auf ihren Schoß kriechen, auch wenn das Tier sich nicht ganz entspannen konnte. Bald darauf erfasste Rina die Müdigkeit und sie nahm Mimi mit auf ihr Lager. Sie hatte das Feuer gelöscht, wieder ein wenig Unordnung hergestellt und nahm wie üblich, alle wichtigen Dinge mit nach oben.
Direkt unter dem Dach war vor allem der Regen zu hören und bald erkannte Rina das Muster und ließ dieses auf sich wirken. Mimi rollte sich an ihren Füßen zusammen, und so schliefen sie beide ein. Es krachte nochmals laut über Rinas Hütte, und sie fuhr hoch, lauschte in die Nacht, hörte aber nichts weiter und legte sich wieder hin.

Sie träumte unruhig von den Begegnungen in Wiesenthal, hatte das Kind wieder vor Augen, besonders sein Muttermal. Im Traum sah sie dasselbe Mal auf einer erwachsenen Hand, durch die ein Faden in ein Spinnrad rann. Mit diesem Bild vor Augen, wachte Rina am nächsten Morgen auf. Mimi war verschwunden, der Vorhang hatte sich wieder losgerissen und ließ das warme Sonnenlicht in den unteren Raum fallen. Rina musste sich sammeln, der gestrige Tag war doch eine reichliches Durcheinander der Gefühle gewesen. Was es wohl mit diesem Mal auf sich hatte? War es eine Zukunftsvision für das Kind? Rina holte tief Luft, und überlegte, ob sie sich vielleicht nicht doch eher an etwas erinnerte.

Dann fiel es ihr ein. Natürlich!

Marga hatte ein solches Mal gehabt. Marga, die Frau aus Brunnenhof, die mit der Flut verschwunden war. Marga, die Frau des Korbflechters, die so sorgsam alle Wolle versehen und verarbeitet hatte. Ihr Verschwinden hatte das Dorf lange beschäftigt, aber für Zufall hatte Rina es nicht gehalten: bevor sie verschwand, war Marga immer wortkarger geworden, hatte Menschen gemieden, und die Zeit entweder mit den Schafen auf der Weide, oder zuhause vor dem Spinnrad verbracht. Sie war allen Arbeiten still nachgegangen. Ob sie sich in der Flut einfach hatte treiben lassen, und den Fluß als Ausweg aus ihrer Trostlosigkeit genutzt hatte?

Rina kam nicht dazu, daran weiterzudenken, denn draußen raschelte etwas vor ihrer Hütte. Schnell packte sie ihre Sachen zusammen, glitt fast lautlos in den unteren Teil der Hütte, und trat dann nach draußen ins gleißende Sonnenlicht. An der Seite ihrer Hütte war ein Seil befestigt und eine Plane war aufgespannt. Wie es aussah, hatte hier eine Person ein Lager aufgeschlagen und Rina vergewisserte sich schnell, dass sie allein war. Die Plane hatte eine eigenartige Struktur, und dank der verschiedenen Spannungspunkte sammelte sich mittig das Wasser des nächtlichen Regens. Rina strich vorsichtig an den Kanten der Plane entlang, es schien dennoch eine Art Stoff zu sein, aber er fasste sich etwas fettig an, und das Wasser perlte offenbar davon ab. Noch während sie den Stoff genauer untersuchte, näherten sich Schritte und sie fuhr erschrocken herum. Im Gegenlicht stand eine hochgewachsene Gestalt mit einem Eimer voller Wasser in der Hand. Sie folgte den Bewegungen der Person genau, Rina wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte. Sie musterte den Fremden und überlegte sich Strategien für alle Fälle. Er konnte feindlich sein, aber dann wäre er vielleicht sogar in ihre Hütte eingedrungen. Stattdessen hatte er hier draußen übernachtet.

Der Fremde sah sie an. Ein wenig Neugier, und ein respektvoller Abstand schwangen in seinen vorsichtigen Bewegungen mit.

Schließlich richtete er das Wort an Rina: „Entschuldigt, dass ich hier in Eurem Garten übernachtet habe.“

Rina wunderte sich über die förmliche Ansprache. „Ich hatte Euch nicht erwartet.“

Der Fremde nickte. „Ich habe Wasser geholt.“

Rina baute sich deutlich sicherer vor ihrer Hütte auf. „Das sehe ich.“

Sie musterte ihn abermals und bat ihn dann ins Haus. Er war nun ihr Gast. Sie hatte lange keinen Gast gehabt, also suchte sie schnell zusammen, was sie im Haus finden konnte und bereitete den Topf am Feuer vor, sodass das frische Wasser bald siedete. Der Fremde schien sich gut auszukennen, und Rina war nicht sicher, ob er die Hütte schon einmal besucht hatte, während sie abwesend gewesen war. Noch einmal verschwand der Fremde nach draußen, und kehrte mit einer Schale Beeren zurück, nicht alle davon waren reif. Die Schale war ganz ähnlich der, die Rina besaß. Das erste mal mussten die beiden Sitzgelegenheiten zeitgleich herhalten.

„Wie kommst du hierher?“, fragte Rina, als sie sich zögerlich hinsetzte.

„Ich kenne den Waldweg gut.“, erwiderte er.

„Das habe ich nicht gefragt.“ Sie war sich noch nicht sicher, ob sie diesen Besuch hier länger dulden wollte.

Er holte tief Luft. „Ich habe schon früher hier in der Gegend zu tun gehabt. Oft genug bin ich hier entlang geritten, und…“

„Also war da doch ein Pferd“, murmelte Rina bei dem Gedanken an die Bilder, die ihr die Blitze des nächtlichen Gewitters beschert hatten.

„Was sagst du?“, fragte er.

„Nichts.“, erwiderte sie schnell. „Du kennst den Wald schon länger?“, versuchte sie ihn wieder an seine Erzählung zu erinnern.

„Ja, mein ganzes Leben lang.“

Rina runzelte die Stirn. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn hier schon einmal gesehen zu haben. „Wieso sind wir uns dann noch nie begegnet?“

Er zuckte mit den Schultern. „Ich meide andere Menschen, wenn ich kann.“

Rina nickte. „Das verstehe ich gut. Dennoch, was treibt dich hierher?“

Er legte den Kopf ein wenig schief. „Du stellst wohl viele Fragen? Ich habe als Kind hier in der Nähe gewohnt.“

Rina zog die Augenbrauen ärgerlich zusammen. Sie erinnerte sich an jedes Kind in der Gegend, aber dieser jung anmutende Bursche hier gehörte wohl nicht dazu. Erst beim zweiten direkten Blick sah sie das durchdringende Blau, als hätte es den Sonnenstrahl in seinem Gesicht gebraucht, um die Farbe seiner Augen zum Leuchten zu bringen. Rinas Blick wurde mit einem Mal weich. Bevor sie etwas sagen konnte, wieherte draußen ein Pferd.

Der Mann stand auf, offenbar hatte er das Pferd heute noch nicht versorgt, und Rina folgte ihm vor die Hütte. Als der Mann einen Apfel aus einer Ledertasche hervorholte, trabte das Tier um die Hütte herum, es musste wohl an den Beeten nach etwas zu Fressen gesucht haben.

Rina starrte das Pferd an.

Das Pferd starrte zurück.

Es war grün.

Rina hatte noch nie ein grünes Pferd gesehen und musste sich einen Moment lang fangen. Wie, um Himmels Willen, war dieser Mann an ein grünes Pferd gekommen?

(to be continued <3)

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