Sie ist wieder da – mein Leben mit Roswitha

Maike nimmt uns in diesem Beitrag mit auf eine Reise. Eine schwere Reise über ihr Leben mit einer Essstörung und den Weg zurück zu sich. Das ist der zweite Teil ihrer Reise, den ersten könnt ihr hier nachlesen.

Disclaimer:

Für folgende Bereiche möchte ich eine Content Notion (CN) bzw Trigger-Warnung (TW) aussprechen: Essstörungen, Kontrollverlust, Kontrollzwang, depressive Verstimmung, selbstverletzendes Verhalten.

Roswitha ist zurück. Sie kündigt sich nicht an, sie ist einfach da. Manchmal sagt sie nicht mal Bescheid, und ich merke erst ein oder zwei Wochen später, dass sie mich wieder heimsucht. Roswitha ist keine Person – ich habe nur meiner Essstörung inzwischen einen Namen gegeben. Das hat einerseits zum Zweck, dass ich mich damit auch entkoppelt von mir selbst beschäftigen kann (denn das fällt mir denkbar schwer), dass ich mit diesem Trick, diesem Auslagern des Problems, aber dennoch damit beschäftigen kann.
Nochmal anders: Ich will das Problem behandeln, habe aber Angst davor, dass es ein Teil von mir ist.
Roswitha ist also wieder da. Wenn ich ein Bild von ihr zeichnen müsste, würde ich mit dem Klang ihres Namens, auf eine ältere Dame verweisen, eine weiße Dauerwelle, eine Kittelschürze mit Wäscheklammern in der einen Tasche und Karamellbonbons in der anderen. Das Muster ihrer Dederon-Schürze wäre blau-dominant, aber geblümt. Ihre Schuhe wären vom Orthpäden maßgeschneidert, und beim Treppensteigen ächzt sie mächtig, denn Rücken und Knie sind geschunden. Wie bei mir.

Roswitha hat auch ein bisschen was von einem Alter-Ego, sie macht mich alt, denn all das, was Roswitha mit sich brachte, hat meinen Körper von innen her kaputt gemacht. Eine dauerhafte Mangelernährung führt eben nicht nur zu einem schlanken Körper, sondern offenbar auch zu Unverträglichkeiten oder Allergien.
Roswitha darf trotzdem den blumigen Hauch ihrer ersten Namens-Silbe behalten. Für den Namen „Rosemarie“ war sie mir aber ein bisschen zu garstig.
Sie bekommt deshalb einen Namen, weil ich schon zu WG-Zeiten mit meiner damaligen Mitbewohnerin nach einem Namen für ihre chronische Colitis suchte. Das Prinzip gefiel mir, und der Name Roswitha ist noch neu.
Nun aber zu dem Problem, dass sie wieder da ist:
Wie gesagt, sie kündigt sich nicht an. Ich merke inzwischen schneller, dass sie da ist, wenn ich den Hunger wieder spüre. Er ist ein alter Freund, ich habe schon vorher viel mit ihm zu tun gehabt. Hier möchte ich gern mit einem Klischee aufräumen: Eine Essstörung bedeutet nicht, dass jede betroffene Person das Essen direkt wieder erbricht, manchmal bedeutet Essstörung auch, dass das Sättigungsgefühl geschädigt ist, oder dass die Person einfach hungert. Letzteres ist bei mir der Fall. Was all diese unter dem Begriff vereinten Essstörungen gemein haben, ist eben genau das, was der Name sagt: Ein gestörtes Verhältnis zum Essen.

In meinem Fall ist es oft damit verbunden, dass ich unter Stress aufhöre zu essen, was relativ schnell zu einem sichtbaren Effekt führt, und für mich zu einem fühlbaren. Die Genugtuung, wieder ein Kilo verloren zu haben, wieder 6 Stunden nichts Festes gegessen zu haben, oder nach einer langen Nacht auch erst mittags etwas zu mir zu nehmen, all das gehört dazu.
Ich las mal, dass das langsame Kauen von Äpfeln die Pektine im Magen schneller quellen lasse, und damit schneller satt mache, als wenn der Apfel schnell gegessen wird. Ich nutzte diesen Trick öfter, kaute auch über den Hunger hinweg nur Kaugummi. Dennoch musste es irgendwo ein Energie-Resort geben, aus dem ich schöpfen konnte: der Zucker. Ich esse liebend gern Süßes, und offenbar spielt das auch hier eine Rolle, da ich oft genug wohl daraus meine Kraft zog. Ehrlich gesagt frage ich mich heute manchmal, wie gestört mein Verhältnis zum Essen wohl gewesen sein muss, und immer noch ist.
Ich entdecke Mechanismen, ich sehe, wo ich „versteckt“ Mahlzeiten ausfallen lassen konnte. Der Hunger ist ein Ersatzschmerz, und das Essen für mich ein Zeichen von Fürsorge: Kocht eine Person für mich, sorgt sie sich um mein leibliches Wohl.
Das erklärt mir, warum es mir manchmal schwer fällt, nur für mich zu kochen: Entkoppelt von meinen eigenen Bedürfnissen, fällt es mir schwer, diese wahrzunehmen, und nicht als Erwartungshaltung anderen Menschen anzutragen, sondern selbst zu erfüllen. Es fällt mir schwer, für mich selbst da zu sein.

Inzwischen leide ich nicht nur an Allergien, sondern auch an Unverträglichkeiten. Während eine handfeste Allergie im schlimmsten Fall behandelbar, im Mindesten aber wohl zumindest für andere Menschen landläufig akzeptabel und „greifbar“ ist, macht eine sogenannte Unverträglichkeit eher Ärger. Mir wird mit Unverständnis begegnet, oder auch einer Art Ungläubigkeit – als sei ich nur zu empfindlich für irgendwas. Das bin ich tatsächlich, und da es aber keine „handfeste Allergie“ (also ein echtes Problem!?) ist, wird das nicht ernst genommen.

Ein Beispiel: Milch vertrage ich seit viereinhalb Jahren nicht mehr. Dass ich nicht laktose(=kuhmilchzucker)intolerant bin, sondern das *Eiweiß* der Kuhmilch nicht richtig verdauen kann, überfordert offenbar schon viele Menschen. Laktosefreie Produkte enthalten daher immer noch das für mich schädliche Protein, das mir tagelang Bauchkrämpfe, Blähungen und unangenehme Besuche zur Toilette beschert.
Zudem vertrage ich keine Hefe, esse also kein konventionelles Brot und kann dank Roggenallergie auch nicht auf Knäckebrot (zudem hefehaltig!) oder Pumpernickel ausweichen. Das ist seit 3 Jahren bekannt, und dennoch begegnete mir in der Familie manches mal der Satz, „… das kann ich mir doch nicht alles merken.“ – oder, im schlimmsten Fall, „Ja, dann hast du Pech, ich hab jetzt schon was gekocht.“ (was ich nicht essen kann, was vorher auch hätte geklärt werden können).
Ehrlich gesagt fehlen mir bei solchen Sätzen die Worte.

Wenn es Menschen sind, die mich noch nicht lange kennen, habe ich inzwischen die Erfahrung gemacht, dass sie mir mit Fragen entgegenkommen, und versuchen, eine gemeinsame Lösung zu finden. Das hat mir in der Vergangenheit oft gefehlt, was mich zu dem Punkt bringe, an dem ich mich wahrlich vernachlässigt, weil eben nicht „umsorgt und mit Essen bedacht“ fühle. Essen ist ein fundamentaler Bestandteil des menschlichen Daseins, und da hört der Spaß für mich auf. Ich mache das sicher nicht absichtlich „für andere schwer“, oder versuche, „rumzumäkeln“, ich nehme de facto Schaden davon, die Nahrung, die „für alle anderen doch okay“ ist, zu mir zu nehmen. Enthält etwas Hefe, dann weiß ich das zehn Minuten nach Ende der Mahlzeit, weil meine Haut beginnt zu jucken. Besonders schlimm wird es nachts, da kann es mir stundenlang den Schlaf rauben. Eine akute Lösung, wie ein Anti-Histaminikum bei einer Allergie, gibt es für Unverträglichkeiten nicht. In einem akuten Neurodermitis-Schub kann das der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.
Bei Milch dauert die Reaktion inzwischen länger, das scheint einfacher wieder reversibel zu sein, und doch brauche ich, wie angerissen, meist einige Tage, bevor ich mich wieder völlig beschwerdefrei bewegen kann.

Roswitha ist also eine launische Zeitgenossin. Sie zwingt mich bisweilen in die Knie, wenn ich mich wieder am Hunger festhalte, einem vertrauten Gefühl, dass der Körper noch da ist, noch funktioniert, noch gängige Lebenszeichen von sich gibt. Eine bis zur Verzweiflung trainierte Verhaltensweise, bei der ich am Ende fast ohnmächtig werde vor Hunger. Bisweilen beschert mir das aber auch eine Leere, und wenn ich in diesen leeren Körper hineinhorche (meist nach einer „Oh, da war doch Milch drin!?“-Situation), weiß ich bereits, dass der Körper schweren Schaden genommen hat. Während ich vor mich hinhungerte (über 15 Jahre, wenn ich das richtig überblicke, also genau genommen mein halbes Leben), hat dem Körper nicht nur Kraft gefehlt. Ich nehme an, dass viele Stoffe den Körper nie erreicht haben, und er deshalb nahm, was er kriegen konnte. Es war nur, wie auch die Fürsorge, – nie genug. Es hat nicht gereicht, um mein Bedürfnis zu decken. Ein jahrelang auf mangelhafte Versorgung getrimter Körper verliert das Bewusstsein für einen angemessenen Umgang, oder versucht, mit der dürftigen Masse an Stoffen, die zahlreichen großen Löcher zu stopfen. Eine Sisyphosarbeit, und ein unerfüllbarer Anspruch an alle Menschen, die mir begegnen. Ich kann und will nicht verlangen, dass das irgendwer ausgleicht.
War der Hunger nicht schmerzhaft genug, konnte ich an Neurodermitis, oder Teenie-Akne auf den Oberarmen herumpulen, bis es blutete. Meine Oberarme sind heute stark vernarbt, im Sommer bilden sich dort kleine Punkte, falls die Sonne überhaupt bis dorthin gelangt. Die Armbeugen sind von der Neurodermitis ebenfalls stark vernarbt, und lange habe ich mich vor einer regelmäßigen Hautpflege gescheut. Der Grund dafür kam mir neulich in den Sinn, als ich mich das erste mal seit etlichen Jahren wieder von beiden Seiten der Haut spüren konnte, als ich nach dem Duschen eine Creme auftrug:

Das bin ich.
Das ist meine Haut von innen und außen, ich kann sie spüren.

Das Gefühl dieses Meilensteins überwältigt mich immer noch, und es löst auch eine unfassbare Traurigkeit aus: Dieses Gefühl hat es ewig nicht gegeben. In meinem ganzen bewussten Erwachsenenleben, habe ich diese Haut, diese Grenze, dieses Seelenzuhause nicht gespürt. Mein Gefühl für mich war so unendlich verzerrt, dass ich mich scheute, die Haut regelmäßig zu pflegen, meine einzige Hülle nach draußen zu stärken, zu umsorgen, mir selbst Schutz zu geben.

Es tut weh, das zu schreiben. Es tut so unendlich weh, das nochmal durchfühlen zu müssen, denn genau da kommt der Punkt, an dem ich mich frage:
Wo war ich in all der Zeit?
Wie kaputt muss diese Hülle gewesen sein, dass ich nicht imstande war, sie zu verteidigen? Wie viele Menschen müssen diese Grenze, diese Hülle so lange überschritten und missachtet haben, dass ich in vernarbter Taubheit sie selbst nicht mehr spüren konnte??
Was zur Hölle ist in meiner Pubertät (und/oder davor) so unfassbar falsch gelaufen?!

Während Darm und Haut in vielen medizinischen Bereichen inzwischen als miteinander verbunden betrachtet werden, muss ich also von mehreren Seiten an das Problem herantreten, und auch sonst extrem darauf achten, was ich zu mir nehme. Roswitha zwingt mich gewissermaßen, mich mit der Nahrung genau auseinanderzusetzen, mich genau damit zu beschäftigen, was in den Körper hineinkommt, und wie es wieder hinauskommt. Im Grunde sehe ich also das Problem der Unverträglichkeiten und der Hautprobleme miteinander verwoben: Es ist die Hülle, in der ich wohne, und sie ist beschädigt.
Haut verzeiht langsam.
Es wird wohl noch lange dauern, bis ich das Problem wirklich wieder im Griffe habe. Es wird lange dauern, weh tun, und mich viel Kraft kosten, die ein oder andere lauernde Erkenntnis noch zu überwinden, bevor ich irgendwann vielleicht in einem gesünderen Körper wohnen kann.

Mich wieder spüren zu können, in mir selbst wieder zu wohnen, wieder Ich sein zu können – das ist ein großer Schatz, auf den ich nicht mehr verzichten will.

Dass diese Haut, und dieser Körper auch einem anderen, wundervollen Menschen schon ein Zuhause war, bedeutet mir viel, denn dieser Mensch ist gesund. Während der Schwangerschaft konnte ich in der Tat leichter gesünder essen, und erlaubte mir, öfter meinem Appetit zu folgen. Auch hier lagerte ich wohl Bedürfnisse aus, nun fällt es mir aber leichter, diese auch für mich durchzusetzen. Meinem Appetit zu folgen. Mich zu ermahnen, auf mich zu achten.

Ich bin etwas erschöpft von diesem Bericht, und gern möchte ich Roswitha schnell wieder wegschicken. Ich kann auf ihre Besuche verzichten, aber ich glaube fast, dass sie irgendwann wieder vorbei schaut. Bis dahin brauche ich eine dickere Haut, einen besseren Schutz – und vielleicht noch zwei, drei leckere Mahlzeiten, die ich umso mehr genieße, weil ich sie mir nicht verboten habe.

Es sind kleine Schritte – aber sie führen in die richtige Richtung.

*****

Diese Erkenntnisse hier zu teilen, ist ein großer Schritt für mich. Es bedeutet mir viel, dass hier einige mitlesen. Ohne das positive Feedback zum ersten Text über diese Essstörung (gut ein halbes Jahr alt, wie ich gerade sehe), hätte ich mich wohl nicht an einen zweiten gewagt. Danke, dass ihr mich begleitet, danke, dass ihr da seid!

Falls ihr Maike unterstützen wollt, gebt ihr doch einen Kaffee aus, sie freut sich sehr darüber:

https://ko-fi.com/mamahuhn

1 Kommentar

  1. Danke für’s Teilen.
    Sich selbst wertzuschätzen muss ich (auch?) lernen. Meine Haut einzucremen habe ich ab und zu in der Schwangerschaft geschafft, sonst eher selten. Aus ähnlichen Gründen…

    Liken

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